Sonntag, 25. Mai 2008

From Here To There

Der Morgen beginnt mit allgemeiner Verwirrung. Tegel? Schönefeld? 10:00? 11:00? Nach vergeblicher Suche nach einem Internet-Cafe zur Klärung dieser Fragen und vorsorglich früher Anfahrt stellt sich 10:30 als Abflugszeit heraus. Realiter bedeutet dies letztlich 12:00, da die Maschine Verspätung hat und uns Gelegenheit gibt, noch ein wenig Berliner Luft zu atmen und die Vorboten dieses großen Trips zu bestaunen. Armani-Mode-Schwuchteln mit zehn Zentimeter breiten Designergürteln und Opferblick, russische Emo-Girlz und zankende Ehepaare. Das Interesse am Dargebotenen erschöpft sich bald, als etwas lautes und unglaubliches Eskes seine Schatten wirft. Marcus realisiert als erster, daß SPE noch auf deutschem Boden alle Ehren zuteil werden sollten und es Spektral-Mobile jetzt auch als Flugzeuge gibt. Mit dem sarkastischen Lächeln des Philosophen (das ich im Laufe der Reise noch des öfteren zu sehen bekommen sollte) wird meine Aufmerksamkeit auf Großes gelenkt:“Look, was uns nach Moskau transportieren soll.“ Ich drehe mich um und sehe ein Streifenhörnchen mit heraushängender Zunge die Landebahn entlangrollen.

Image Hosted by ImageShack.us Hannibal kam mit Elefanten über die Alpen, Spektral reitet auf Streifenhörnchen durchs Land

Überwältigt von solch einer peak performance zu früher Stunde nehmen die zwei Ehrenritter auf ihren Sitzen Platz und werden zugleich von neuerlichen Großtaten gepleased. Captain Stefan Trotzenburg meldet sich zu Wort, entschuldigt sich für die Verspätung, erklärt sie auch dem Laienpublikum um mit den Worten zu enden:“Wir geben unterwegs n bißchen Gas.“ Das Mic wird gepassed, der Chef-Steward erklärt Sicherheitsein-und –vorrichtungen, die von den beiden Stewardessen theatralisch, ikonographisch und idiopathisch begleitet werden. Bizarre Bewegungen, die eher an indische Tänze aus Bollywood Movies erinnern, werden aufgeführt um zu verdeutlichen, wie der Gurt in die Schnalle gesteckt wird und wo das Ende des Ganges ist, wie man Sauerstoffmasken im Falle eines Druckabfalls zu benutzen hat und wo sich die Fenster befinden. Die Kamera folgt ihrer Pflicht, zeichnet das Dargebotene auf und läßt ihr rotes Lämpchen leuchten. Dies jedoch ruft eine der beiden Stewardessen, die bei einem Schönheitswettbewerb in Soltau-Fallingbostel bestimmt den 3. Platz errungen hätte, auf den Plan und läßt sie die Vernichtung des soeben Gefilmten fordern. “Aus Gründen der Flugsicherheit.“ Ich kann mir nicht vorstellen was passiert, sollte ich der Forderung nicht
nachkommen, will aber nicht die Sicherheit der lebenden Gucci-Collection gefährden und den anderen Fluggästen nicht länger das schrille Pfeifen in den Ohren zumuten, ärgere mich aber, daß die neuen spektral-shirts noch nicht gedruckt sind.

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Mein Sitznachbar zur Linken erwirbt noch eine 0,33-l-Flasche Warsteiner zum Preis von ca. 4 Euro, dann geht es gen Himmel, mit Marcus’ beatz im Ohr zum Druckausgleich…

…um zweieinhalb Stunden später in Moskau-Vnukovo zu landen. Beim Verlassen der Maschine fallen uns die Krallen auf den Triebwerken auf. Haben Streifenhörnchen Krallen? Uns wird klar, da wir im Bauch eines Bären dieses ferne Land geentert haben.
Wir reihen uns in die Schlange an der Paßkontrolle ein. Im Glashäuschen sitzt ein Weib in Uniform, das mich an Ilsa, die Tigerin, erinnert. Meine freundliche Begrüßung kommentiert sie mit starrem Blick. Ilsa stempelt meine Papiere und ich habe ab sofort einen Fetisch mehr. Ich bedanke mich für dieses tolle Stempeln und verabschiede sie, sie zeigt noch weniger Regung als bei der Begrüßung.
Marcus und ich greifen unser Gepäck und marschieren Richtung Ausgang, wo wir von zwei salutierenden Großmenschen erwartet werden. K.l.a.u.s. und Aruschan Aruschanowitsch senior harrten trotz der Verspätung tapfer aus und bereiten uns den gebührenden Empfang. Mit von der Partie ist Dima, ein Bekannter meines Vaters, der uns den Aufenthalt im pompösen Marriot spendierte, wie ich später erfahren sollte.
Wir stapfen zum Parkhaus des Airports. Alle Automobile sind von einer dicken Rußschicht überzogen. Alle bis auf eines. “Mercedes, gut?“ Dimas Wagen ist ein ziemlicher luxuriöser, wir werfen unsere Rucksäcke hinein und lassen uns durch Moskau chauffieren.

Bücher, Messer, Führerscheine

Das Gepräch auf der Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt stellt sich als ein überaus großes heraus und sollte einen Vorgeschmack auf Kommendes liefern. Klaus dolmetscht was er kann, und das ist eine ganze Menge. Inhaltlich geht es vor allem um Rußland und Aruschan Aruschanowitsch senior. Ich werde gefragt, ob ich Auto fahren könne, ich antworte, ich könne ein Auto geradeaus und um die Ecke lenken, besitze aber keinen Führerschein. Prof. Aruschan fragt mich ob er mir einen kaufen soll. Ich schaue gelangweilt aus dem Fenster. Er fragt Dima, ob er einen Führerschein besitze. Dima antwortet, er habe zwei Autos kaputt gefahren, ab dem dritten sei es dann gegangen. Als nächstes werden wir gefragt, ob wir hier in Rußland “Mein Kampf“ kaufen wollen. Wir antworten, “Ja, naürlich.“
Aruschan senior läßt von Klaus für seinen Sohn übersetzen, daß in seinem Haus in Armavir ein Messer als Geschenk auf mich wartet. Damit solle ich ein Tier oder einen Menschen töten, aber nicht in Rußland, lieber in Deutschland, und wenn, dann auch nur Türken. Ich zeige mich begeistert.
Dima fährt uns noch ein wenig in Moskau herum, dann trennen sich die Wege. Für den morgigen Tag wird ein großes Programm angekündigt und ein Treff in aller Herrgottsfrühe ausgemacht. Klaus und Marcus machen sich auf zum Studentenwohnheim, Dima fährt seines Weges, Aruschan und Aruschan bringen ihr Gepäck zum Hotel.
Dieses stellt sich als extrem teuer, versnobt und iced-out heraus. Aruschan schleift seinen Koffer über den roten Teppich und fragt, ob das Hotel gut sei. Mein Russisch reicht nicht aus um zu erklären, daß ich nicht auf protzige Bauten und überteuerten Pseudoservice stehe, ich antworte so was wie: “Ja, is o.k.“
Die Handhabung der elektronischen Hotelkarte für den Lift und die Zimmertür bereitet dem Professor sichtlich Schwierigkeiten. Im Zimmer angelangt erklärt er, daß die Zeit drängt, man müsse sofort weiter. Zwischen Gepäckablegen und Kleidungswechsel bekomme ich einen Umschlag mit zwei 500-Euro-Scheinen in die Hand gedrückt. “Ich großer Aruschan, du kleiner Aruschan, bitte schön.“ Ja, so ähnlich habe ich mir das vorgestellt.
Kurz vorm Losgehen nimmt er meine grüne Wollmütze vom Kopf und erklärt mir, daß ich damit von Spartak-Hooligans verprügelt würde. Ich ziehe die Mütze wieder über meine Ohren und sage “I don’t give a shit“, bevor es in den Moskauer Schneeregen geht.

In der Metro bietet sich dem interessierten Beobachter dann ein beeindruckendes Beispiel für Habituation an extreme Stimuli. Auf der Sitzbank hatte sich ein Mann niedergelassen, dem es tatsächlich gelungen war einzuschlafen, während sei Körper von der Bahn hin- und hergeworfen wurde und akustischen Dauerreizen ausgesetzt war.
Dieses Exempel sollte auf dem Bahnsteig noch getoppt werden, wo ein Hund einen halben Meter neben dem Gleis inmitten von Lärm und Menschenmassen seelenruhig schläft und das Treiben um sich herum nicht einmal mit einem Ohrenwackeln kommentiert.
Am Ausgang der Metro-Station besteigen wir ein Taxi. Den Moskauer Abendverkehr bestaunend greife ich instinktiv zum Gurt, muß aber feststellen, daß das passende Ende auf der Rückbank nicht vorhanden ist und erkläre mir das einsame Baumeln des für sich allein sinnlosen Gurtes als Hommage an die Zivilisation. Unterwegs springt Herr Professor noch schnell in einen Blumenladen und besorgt einen Strauß. Die Fahrt dauert etwa zwanzig Minuten und wird begleitet vom periodischen Quietschen der Bremsen.

5% Armenian Blood

Das Ziel unserer Tour ist die Wohnung von Aruschans Cousine Katja, die bereits groß aufgetafelt hat. Schnell werden Blumen und Pralinen überreicht, Küsse ausgetauscht, um dann das eigentliche Highlight aus der Tüte zu lassen. Französischer Brandy “Napoleon“.
Geschichtsprofessor Wartumjan hatte sich also etwas ganz besonderes einfallen lassen.
Gläser werden gefüllt, geleert, um wieder gefüllt zu werden. Mit von der Partie ein Verwandter Katjas sowie zwei Armenier, von denen mir später berichtet wird, sie hätten ein recht großes Unternehmen, das Ersatzteile für Autos anbietet. Später gesellen sich Anja und Sasha hinzu, die Kinder Katjas, denen die ehrenvolleAufgabe zuteil werden sollte, Aruschans Trinksprüche ins Englische zu übersetzen. Die Zeremonie selbst steigert sich ins Groteske, auf alles und jeden werden Trinksprüche, Weihungen und Heiligsprechungen erbracht und mit Feuerwasser begossen. Zwischendurch dreht Katja den Sound ihres Fernsehers auf. “George Michael!“. Sofort werde ich gefragt ob ich George Michael möge. Ein Achselzucken und gleichgültiges Brummeln erscheint mir die diplomatischste Antwort.
Als die Reihe der Trinksprüche an mir ist, hole ich kurz Luft um mit dem Vodkaglas in der Hand vorwegzuschieben, daß Trinksprüche dämlicher Kinderquatsch sind und wenn hier überhaupt irgendetwas lobend oder in sonstiger Weise erwähnt werden sollte, dann die Dame des Hauses, die für die Männerbrigade ein so reichhaltiges und wohltuendes Mahl zubereitet hat. Nostrowje! Begeisternd wird mir zugeprostet und der Männertalk fortgesetzt. Tiefe Weisheiten aus dem Kaukasus machen die Runde, wie beispielsweise die, daß fünf Prozent armenisches Blut einen Menschen zu einem guten Menschen machen. Fasziniert lausche ich den Übersetzungen von Anja, die mir nicht sagen konnte, ob sie Anne, Anje, Anja oder Anna heißt: “Just call me An.“
Zu fortgeschrittener Stunde reckt der Professor dann triumphierend seinen Bauch in die Runde, der ihm allerlei Bewunderung und Hochachtung sowie ein Küßchen seiner Cousine einbringt. Zu seiner Erkärung führt er dann aus:“Ich bin emotionaler Mensch.“
Meine Frage, ob er zu Hause auch so emotional sei, bejahen Anja und Sasha, der während seiner Armeezeit im Haus seines Onkels gewohnt hatte und von Emotionalität und ihren Auswirkungen auf meine Schwestern Diana und Alina zu berichten weiß.
Doch auch den Emotionalsten unter uns gehen manchmal die Gefühle aus. Mit gedrückter Stimmung kommt Aruschan senior von der Toilette zurück und erklärt er habe sein Handy verloren. Sofort suchen alle Beteiligten die Wohnung nach dem Mobiltelefon des Patriarchen ab, Aruschan junior äußert den Verdacht, sein Bauch habe es beim Hinsetzen im Taxi aus der Tasche gepreßt. Auf den Schock sind einige Kurze fällig, bevor Sasha uns zurück zum Hotel fährt. Er erzählt, daß er in der Logistikabteilung eines kleinen Unternehmens arbeitet, das Maschinen aus Italien importiert und daß er nur auf “cars with much power“ steht. Am Hotel angekommen verabschieden wir ihn und marschieren durch die pompöse Lobby zum Lift und auf unser Zimmer. An der Eingangstür findet Professor Aruschan sein schon verloren geglaubtes Telefon und hält es mir stolz entgegen. Freudig ruft er seine Cousine an um ihr diese tolle Nachricht zu später Stunde zu überbringen, als er mir wieder traurig entgegengeschlurft kommt. Der Professor hat seine Linsen in Katjas Wohnung vergessen. Und während die Sehhilfen noch auf dem Fleischteller liegen und Aruschan senior seine Freude am Öffnen und Schließen der Minibar entdeckt, macht Aruschan junior ein paar Aufnahmen der Luxus-Suite. Besonders hervorzuheben ist der Inhalt des Nachttisches, bestehend aus dem Neuen Testament, dem Buch Mormon und einem Marriott-Werbeprospekt, sowie das mit goldenem Marriott-Zeichen versiegelte Toilettenpapier.



Man schreibt 0:43 Moskauer Ortszeit, als der Professor für Geschichte und Politologie sich in seinem Sessel niederläßt um sämtliche Fernsehprogramme durchzuzappen und der Medizinstudent aus dem fernen Westen in Altchinesischen Fabeln liest.


Alte Bücher im Austausch für alte Bronzen


Ein Gelehrter, der dringend Geld brauchte, fertigte ein Verzeichnis einiger hundert Bücher an, packte sie zusammmen und machte sich auf den Weg nach der Hauptstadt, um sie dort zu verkaufen. Unterwegs traf er einen anderen Gelehrten, der seine Liste durchsah und die Bücher kaufen wollte. Er hatte aber kein Geld, besaß dafür aber einige antike Bronzen, die er eigentlich für Reis einhandeln wollte. So nahm er den andern zu sich nach Hause und zeigte ihm seinen Besitz. Der Gelehrte, der die Bücher verkaufen wollte, war ein großer Liebhaber alter Bronzen und geriet über die seltenen Stücke in Entzücken.
“Wozu denn Bronzen verkaufen“, schlug er dem anderen vor, “wir können die Bücher gegen die Bronzen verrechnen und sie gegeneinander austauschen!“ So kam es, daß er seine Bücher dort ließ und mit den Bronzen beladen von dannen zog.
Seine Frau wunderte sich über seine unerwartet frühe Rückkehr. Sie stellte fest, daß die Reisetasche ihres Mannes mit harten Gegenständen gefüllt war, die sich lose bewegten und dabei klirrten. Als sie nun den Bericht ihres Mannes hörte, begann sie zu schelten.
“Du Dummkopf!“ rief sie. “Was nützen dir diese Bronzen, wenn wir keinen Reis im Hause haben?““Aber dem andern geht es doch ebenso“, antwortete ihr Mann, “die Bücher, die er von mir erhalten hat, werden ihm auch lange keinen Reis bringen.“


Um 1:07 erfährt Aruschan junior, daß seine Schwestern Prostestantinnen sind, die nicht davor zurückschrecken “halleluja“ zu singen. Auf diesen Schock muß erneut das gefließte Bad aufgesucht werden um sich mit dem Anblick des versiegelten Klopapiers zu trösten. Aus dem Nebenraum ertönt ein tiefes Schnarchen.

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Dopeness, Eskheit, Flavour, Künste

Um sieben Uhr morgens erheben sich die geschundenen Körper um mit Klaus und Marcus das Tagesprogramm in Angriff zu nehmen. Nach angemessenem Frühstück (Lachs und Steak) ist der erste Anlaufpunkt der Rote Platz. Dort treffen wir Sergeij, Sohn einer der Schwestern meines Vaters und damit mein Cousin. Sergeij studiert an der Russian State University of Oil and Gas, zu deren Inspektion wir ein paar Tage später noch Gelegenheit haben sollten.
Wir begutachten bereits bekannte Attraktionen wie die Basilius-Kathedrale und das Mausoleum. Aruschan junior wird aufgefordert vor Lenins Grabstätte zu posieren und lehnt verächtlich ab. Große Menschen machen Geschichte, kleine lassen sich vor deren Relikten ablichten.
Wir spazieren weiter in den Alexandergarten und sehen die Wachablösung am Grab des unbekannten Soldaten. Der exaltierte Militarismus beeindruckt uns alle gleichermaßen.Ein paar Schritte weiter ragt ein Denkmal mit den Namen verschiedenster sozialistischer und kommunistischer Theoretiker und Politiker empor.

Image Hosted by ImageShack.us Marx, Engels, Bebels, Liebknecht, Lasalle, Campanella, St. Simon, Fourier, Bakunin, Proudhon et al.

Marcus und Klaus verspüren Hunger und würden gerne frühstücken, Restaurants und Imbisse haben jedoch noch geschlossen. “Ab 11:00.“
Wir steuern das Historische Museum an und hoffen auf das interne Café. “Ab 12:00.“
Es beginnt die Tour de Musée, angeführt von Professor Wartumjan, der fachkundig Auskunft geben kann und alles Dargestellte mit interessanten Ausführungen zu erklären weiß. Die beiden interessantesten Exponate bleiben jedoch unerwähnt. Das erste Ausstellungsstück ist für sich genommen bereits unermeßlich groß. Es handelt sich um Büsten diverser Menschenaffen. Marcus und Aru bleiben staunend vor der Wand stehen. Es dauert eine Weile bis es zumindest mir logisch erscheint. Wer Stalin- und Lenin-Statuen errichtet, der erweist auch homo erectus und neanderthalensis die Ehre.

Image Hosted by ImageShack.us Historischer Materialismus

Das zweite Fundstück veranlaßt S.P.E. kollektiv zu Lachausbrüchen, während der Rest emotionslos daran vorbeischleift.

Image Hosted by ImageShack.us Kunst

Ob es nun der exotische spe-flavor, der geballte Testosterongeruch oder das tiefe und selbstgefällige Brummeln des Herrn Professors war, läßt sich im Nachhinein nicht mehr genau sagen, nach einigen Minuten haben wir jedoch unser Anhängsel, das wie magnetisch erst stumm hinter uns herschwebt, später auch kommuniziert und letztlich eine Visitenkarte des Professors zugesteckt bekommt. Die junge Frau aus Samara war auf einem Kongreß in Moskau und nutzte die Gelegenheit zum Museumsbesuch, was ihr letztlich ein Lob des Professors und ein gemeinsames Foto beschert.

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In den Katakomben des Museums erwartet uns ein Drei-Gänge-Menü, das jedoch lediglich als Untermalung für die feierliche Prozedur des Genusses des Zar Peter Vodka dient. Eingeschenkt wird der Gute von Serioga, dem moldawischen Kellner, mit dem Klaus prompt ein paar Worte Rumänisch wechselt. Nachdem Serioga uns das Essen serviert hat, ruft Klaus ihm erneut ein paar rumänische Brocken zu. Als ich ihn frage, was er ihm gesagt hat, antwortet er: “Och, das is so’n rumänischer Tischspruch. ’Guten Appetit, wir danken sehr, am Tisch wird nicht gesprochen.’“ Esk.

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Herr Lorbeer selbst ist dann während der Zelebration als Übersetzer für Trinksprüche und Emotionales gefordert. Der Höhepunkt des Ganzen: Aruschan senior erzählt mit großen Gesten von einem Kloster im Süden, in dem Männer echte Freundschaften zueinander hegen und keine Frau sie vergiften kann. SPE tränt Vodka aus den Augen.

Nach der Stärkung verabschieden wir Sergeij und lassen uns von Aruschan ein paar untouristische Orte zeigen. Die erste Wechselstube wird anvisiert, betreten, um unter großer Wortkunst binnen Sekunden wieder verlassen zu werden. “Geh in die Fotze!“ So die abschließenden Worte von Professor Wartumjan Richtung Menschen hinter dem Schalter nach einer kurzen Unterredung. Ich beschließe dringend Russisch zu lernen um künftig solche Untiefen dieser schönen Sprache selbst verstehen und gegebenenfalls auch anwenden zu können. Wir ziehen weiter und landen in der nächsten Wechselstube, die mit weit mehr Reizen aufwarten sollte. Eine leicht bis gar nicht bekleidete Dame hinter dem Schalter, von Spektral liebevoll Busen-Elly genannt, veranlaßt uns zum Scheine und Blicke tauschen.
Mit gepimpten Geldbörsen ziehen wir weiter durch die Stadt und die Blicke der geschminkten Stuten auf uns. Auf Höhe der Basilius-Kathedrale überlegen wir uns, welcher der fünf spe-headz wohl dieses Kunstwerk entworfen hätte, wäre SPE im 16. Jahrhundert und etwas weiter östlich auf diese Welt gekommen. In Betracht kommen eigentlich nur Dr.Werner Lambert und K.L.A.U.S >>brrz<<> Lorbeer.

Wir machen vor einem kunstvoll verzierten und geschichtsträchtigen armenischen Stein aus Basalt Halt, vor dem Aruschan senior seinem Sohn die Geschichte seines Volkes und seiner Familie erzählt um letztlich mit den Worten zu enden: “Armenier…auch Arier. Du.. Doppelarier. Superarier!“ Was heißt esk auf Armenisch?

Image Hosted by ImageShack.us Zwei Arier und ein Superarier

Danach steuern wir die daneben liegende Kirche an. Am Eingang laufen wir durch einen Metalldetektor und an zwei Sicherheitskräften vorbei.
Im Gotteshaus selbst müssen wir unsere Kopfbedeckungen abnehmen (Spartak-Hooligans?), dürfen weder Hände noch Arme verschränken, keine Fotos machen und nur flüstern. Das Ambiente inspiriert mich zu einem Pornodreh, ich frage in die Runde, was der Rest von so einem Einfall hält. Mittelmäßige Resonanz.

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Nach so viel Heiligkeit suchen wir die Tretjakowskaja auf und konstatieren erneut, daß es in Rußland wohl eher unüblich ist, die Toilettten mit Klopapier auszustatten.
Nach einigen Räumen mit eher langweiligen und recht dürftigen Gemälden hat dann das 19. Jahrhundert einiges an interessanten Künstlern zu bieten. Man wähnt sich unter seinesgleichen und erkiest Wassili Grigorjewitsch Perow zum spektralen Liebling.


Ein paar bizarre Jesus-Bilder und russische Kunststudentinnen später geht es weiter Richtung GUM. Big Aru stellt uns den Laden als das teuerste Kaufhaus der Welt vor und schlägt vor dort ein Eis zu essen. Auf dem Weg dorthin wird abermals der Rote Platz überschritten, Marcus zeigt auf die Basilius-Kathedrale und sagt (wörtlich): “Das Ding hätte ich aber auch noch mit Windows Paint designt.“
Im GUM angekommen (“Nach der Tretjakowskaja-Galerie jetzt Galeria Kaufhof“) lassen wir uns majestätisch nieder und strecken unsere germanischen Schenkel von uns.

“Ich hätte gern ein Schokoladeneis.“
“Tut mir Leid, mein Herr, Schokoladeneis haben wir heute nicht.“
“Hmmm, dann nehm ich eins mit Nüssen.“

“Ich hätte gern eine heiße Schokolade.“
“Das tut mir sehr leid, mein Herr, aber heiße Schokolade haben wir heute nicht.“
“Ähh, Kakao?“
“Nein, auch nicht.“
“Dann nehm ich einen Tee. Tschai.“
“Was für Tee?“
“… Pfefferminztee.“
“Jawohl, mein Herr.“


Image Hosted by ImageShack.us Hätte Marcus mit Windows Paint designt

Danach werden noch Brillen, Handies und Couchsurfer mit unterschiedlichem Erfolg gesucht.
Letztlich landen wir zu viert auf unserem Hotelzimmer, beatz werden gepumpt, Bäder für unsere güldene Haut eingelassen, die im Takt wippenden Zehen von Aruschan senior gefilmt.
Nach einem kurzen Anruf die Durchsage: Es wird ein siebenköpfiger Hühnerstall erwartet, der Spektral in Pimphotels die Ehre erweist, bevor es dann in den Club gehen soll.

VIPs

Allein der Gedanke an solch ein Nachtprogramm macht hungrig, deshalb suchen die drei deutschen Ehrenlegionäre zu später Stunde die Rezeption auf, um sich zu erkundigen, ob es für Aruschan senior, junior + die beiden Straßenhunde noch etwas Eßbares im Hause gibt, das bereits im Preis inbegriffen ist. Nach positiver Antwort wird die VIP-Lounge beschritten und ohne viel Gebell dort ein Abendmahl auf Zimmer 626 beordert. Da man schließlich eingeladen ist, zeigt man sich großzügig, läßt sich die Flasche Wein 100$ kosten, bestellt derer gleich vier, und spart auch nicht an Fisch und edlem Kaviar. Schaschlik und Steak runden das Programm ab und sorgen für ein angenehmes Gefühl in der Magengegend. Zuguterletzt werden die beiden Kuschkas hinter der Theke noch nach Batterien für den Mp3-player (“Dir zuzuhörn ist wie Poker glotzen/ für dich werd ich meine Boxen nicht mit Strom versorgen“) und kaukasischem Schnaps gefragt. Trotz exzessiven Telefonierens kurz vor Mitternacht müssen diese dann mit entschuldigendem Lächeln passen, dem designierten Kathedralenmeister fällt darauf hin ein: “Ich glaub ich hab noch welche in meiner Tasche.“
Zufrieden mit sich selbst und der Welt läßt man sich nun in die Sessel auf dem Zimmer fallen und harrt der gebratenen Dinge, die dort kommen.
Etwa eine dreiviertel Stunde später wird das Mahl von einem leicht bäuerlich wirkenden Hotelmädchen gebracht und aufgedeckt. Der obenauf thronende Lederumschlag kommt mir bekannt vor, ich weiß, daß in ihm die Rechnungen mitgeliefert werden und freue mich auf folgendes. Aruschan senior und Klaus Lorbeer schauen sich verdutzt an, versuchen dem Hotelmädchen klarzumachen, daß für Personen, die auf -jan enden, die Verköstigung inklusive sei. Nach einem kurzen Telefonat mit der Rezeption stellt sich heraus, daß dies auch zutrifft, aber nur bis 5000 Rubel. Unser bescheidenes Mahl hingegen bringt es auf stolze 17.000 Rubel.
“Marcus, hast du mal nen Taschenrechner?“
Drei der vier Weine werden von der Liste gestrichen, der Kaviar zurück in die Küche geschickt und der Fisch dankend abgelehnt. Unsere Schulden werden auf umgerechnet 200 Euro reduziert und das Hotelmädchen freundlich verabschiedet. Danach teilen die Straßenhunde sich die restliche Beute, Professor Aruschan schimpft über das Schaschlik und erklärt das ganze Hotel für überteuert und Abzocke, “aber der Wein ist gut“. Wir schauen auf ein in Sekundenschnelle geleertes Weinglas und beginnen ebenfalls mit dem Verzehr.


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Nach dem Fressen kommt dann die Moral und eine kurze, aber intensive Politrunde zu fortgeschrittener Stunde. Mafia, Blutrache, Föderalismus, Juden, Antisemitismus, Hitler, Armenier, Geschichtsphilosophie, Vulgärmarxismus, Psychologismus, Messer und Schwert, Kette und Pferd.
Ein Anruf beendet den bisweilen befremdenden Polittalk. Die Hühner finden das Hotel nicht, wir hatten die Strecke nicht mit Körnern ausgelegt. Spe bewegt seine Beckenkämme Richtung Club, durch die Moskauer Nacht, vorbei an U-Bahnwachen und uns im Gleichschritt verfolgenden Streifenwagen.
Wir entern das Vergnügungsdomizil und werden vier jungen Mädchen vorgestellt, deren Münder an den Strohhalmen ihrer Cocktailgläser kleben. Für 300 Rubel erhalten wir einen Einblick in Moskaus Nachtleben und dürfen das Publikum bestaunen, dessen Alter zwischen Menarche und Matura liegen dürfte. Wir verweilen, um dann mit umso größerer Freude wieder aufzubrechen. Nach einigen Irrläufen durch die Moskauer Nacht kapern wir eines der Privattaxen, die insbesondere nachts Moskaus Bewohner und Gäste durch die Stadt befördern. Unser Fahrer fragt woher wir kommen. Auf unsere Antwort hin schwärmt er von Deutschland und erzählt, daß er mal in Jüterborg war. Er bedauert, daß die rote Armee den Krieg gewann, denn andernfalls wäre jetzt Berlin die Hauptstadt Rußlands. In Moskau habe er sich nun selbstständig gemacht, schläft tagsüber und fährt anschließend Taxi, was ihm rund 100 Dollar per Nacht einbringt. Allerdings lauern die Gefahren überall, der plötzliche Versuch einer Kehrtwende auf breiter Straße mißlingt, unser Mann hat zu spät die aus der Dunkelheit auftauchende Polizeistreife erkannt und wird nun zum Anhalten gezwungen. Er muß einen Stapel Papiere mitnehmen und wird in den Polizeiwagen gebeten. Währenddessen spielt Klaus am Autoradio herum und dreht plötzlich irgendwelche Popmusik dermaßen laut auf, daß das Signal auch noch am anderen Ufer der Moskwa zu hören sein muß. Es brrzt gewaltig in der Nußschale, die Stoßstange an Stoßstange mit der Polizeistreife steht.
Nach einer Viertelstunde kommt unser Fahrer zurück, setzt die Reise fort und erklärt, daß die Versuche der “Ordnungshüter“, ihm aus fadenscheinigen Gründen Geld aus der Tasche zu ziehen, nicht erfolgreich waren. “Da kann ich mir ja auch eine Uniform kaufen und mich nachts an den Straßenrand stellen um irgendwelche Leute abzuziehen.“
You got it, man, you simply got it.


Moskva-Armavir


Nach einer Stunde Schlaf heißt es raus aus den Federn, in die VIP-Lounge und mit Aruschan und Dima auf den Geburtstag dessen Sohnes anstoßen. Der Wein rutscht nur schwer die Kehle runter, ein paar gekochte Eier und Schinkenbrötchen später sitzen wir erneut in Dimas Mercedes Richtung Domededovo. Mein Durchschreiten des Metalldetektors erzeugt ein Piepen, das mich berechtigt von einer Herrin in Uniform durchknetet zu werden.



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Mein Handgepäck ruft die nächste Aufseherin auf den Plan, sie verlangt das Öffnen des Rucksacks und fragt mich was “das“ (und zeigt mir etwas auf dem Bildschirm) sein könnte. Ich antworte möglicherweise eine Batterie für meinen mp3-player, spe_ktral, fckn aru beatz. Den Inhalt meines Rucksacks kippe ich auf das Fließband um nach langem Suchen letztlich eine 1,5 Mignon-Batterie zu finden. Triumphierend halte ich sie ihr entgegen, sie blickt wieder gelangweilt auf ihren Monitor. Ich interpretiere dies als “O.k., weitergehen, keine Terror-und Absturzgefahr“ und denke mir “wenn du dich da mal nicht irrst, bitch, spektral_beatz haben schon so manchen Vogel vom Himmel geholt.“

In der Maschine wird mein neuer Fetisch weiter gepflegt. Die Stewardess vermag es ein “Straswutje“ hervorzubringen ohne auch nur einen Gesichtsmuskel zu bewegen.
Während des Fluges durchblättere ich eine der Zeitungen, die Aruschan sich für den Flug gekauft hat. Auf dem Cover ist George W. Bush in Angst erregender Pose abgelichtet, im hinteren Teil findet sich ein Foto von Lawrenti Beria, dazwischen Artikel über zusammensteckbare Maschinengewehre mit dazugehörigen Erläuterungen und Skizzen.

Nach dieser aufregenden Lektüre falle ich in den Schlaf und wache pünktlich zur Landung wieder auf. In der Ankunftshalle des Flughafens will Aruschan einen Anruf tätigen, hat aber kein Guthaben mehr und fragt mich nach meinem Handy. Ich greife in die linke Tasche, in die rechte Tasche und zucke dann mit den Schultern. Ich überlege, ob es möglich ist, daß Vergesslichkeit vererbt wird und erkläre ihm, daß mein Handy wohl noch in der Maschine liegt. Wir erläutern unser Problem einem Arbeiter, der nach einigen Minuten mit dem Telefon in der Hand zurückkommt. Aruschan überreicht mir feierlich das gute Stück und erklärt, daß das alles kein Problem sei, der Arbeiter würde bei meinem Rückflug nach Moskau eine Botilka Vodka bekommen, so regele man hier alles. Wir besteigen ein Taxi und fahren im Regen zum Studentenwohnheim, vor dem Aruschan zu meiner Geburt einen Baum gepflanzt hat, der nun natürlich besichtigt werden muß. Auf der kurzen Fahrt dorthin erklärt er feierlich “Das ist… Krasnodar!“ Pfützenwasser spritzt gegen die Scheibe.
Vor dem Platz des Wohnheims angekommen stößt der Professor plötzlich wüste Beschimpfungen Richtung Pförtner aus, der partout den Schlagbaum nicht anheben will, damit wir würdevoll im VW Jetta auf den Platz rollen können.
Vor dem legendären Baum hat sich bereits ein Empfangskommitee versammelt, das sich unter den Regenschirmen verschanzt hat und nun geherzt und gedrückt werden will.




Nach allgemeinen Nettigkeiten und minutenlangem Posieren vor dem legendären Baum geht es dann mit meiner Cousine Nadja im Gepäck zurück zum Flughafen, um dort von Vadik (Vadim, “Waldemar“), einem Freund und Nachbarn von Aruschan, empfangen und letztlich nach Armavir kutschiert zu werden.
Die Fahrt selbst sollte zu einem absoluten Großereignis mutieren und den flavor der nächsten Tage ankündigen.


Noch einen Vodka, Stewardessa!

Vadik stellt sich mir als Musikliebhaber vor, dreht sein Autoradio auf und ruft ein paar Mal begeistert “freejazz!!freejazz!!!“ während ein ohrenstrapazierender Rock-Pop-Elektro-Mix aus den Boxen dröhnt. Aruschan bewegt seinen Bauch um 90° Richtung Rückbank und verteilt die Rollen. “Vadik! Pilot!! Nadja! Stewardessa! Aruschan y Aruschan: Vodka!!!!“ Der nächste shop wird anvisiert und Rußlands heiligstes Getränk der Stewardessa überreicht.

Image Hosted by ImageShack.us “Ein sehr anstrengender und anspruchsvoller Job, aber in Gesellschaft amüsanter Männer überaus unterhaltsam und abwechslungsreich“

Es werden Loblieder auf Rußland, auf den Vodka, auf russischen Vodka gesungen. “Drushba, Freundschaft“ wird angestimmt, um nur noch von “Ach, du lieber Augustin“ übertroffen zu werden. Stewardessa versorgt den Barden und sein Publikum mit Schinkenbroten und süßen Quarktaschen. Die Flasche ist nach einer halben Stunde geleert und ich bete, daß die Straßen durch die kubanische Steppe gerade bleiben.
Unterwegs muß ich den Vodka und vor allem das Wasser loswerden, ich frage unseren Piloten Vadik nach einer Möglichkeit zum Anhalten. Er scheint jede Ecke der knapp 300 Kilometer langen Strecke zu kennen und biegt nach zwei Minuten auf einen kleinen Hof. Dort wird mir eine kasachische Toilette gezeigt. Ich erleichtere mich und wir setzen die Fahrt fort…

Image Hosted by ImageShack.us “Willst du dich tatsächlich in die Haut eines Mannes versetzen, mußt du einmal seine Toilette benutzt haben.“ Altes indianisches Sprichwort

… um fast ausgenüchtert in der Pervomajskaja anzukommen. Meine beiden Schwestern Alina und Diana kreischen und reißen mich förmlich aus dem Wagen, ich komme mir vor wie ein Popstar und freue mich, daß ich nur underground artist bin.
An der Schwelle zu seinem Haus öffnet Aruschan seinen Gürtel, läßt die Hose herunter und erklärt mir triumphierend: “Ich Herr, mein Haus.“, worauf Vadik mir versichert “Aruschan godfather, godfather!“
Der godfather schmeißt im Flur seines Hauses den Koffer zu Boden und öffnet den Reißverschluß. “Geschenke!“ Hervor kommen zwei russische Eishockeyshirts, die er und Vladik sich über die Bäuche streifen um in Trikot und Unterhose die Nationalhymne anzustimmen.

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Das überwältigende Abendbrot wird begleitet von Trinksprüchen und Gesängen. Aruschan erklärt, gestern im Hotel habe man auch Kaviar bestellt, doch der sei leider alle gewesen, deshalb solle ich nun hier zuschlagen. Ich versuche das mir mit Fischeiern belegte Brot zu phagieren und muß feststellen, daß ich noch nie etwas so ekelhaftes gegessen habe. Das von Aruschans Frau Nona zubereite Essen hingegen ist atemberaubend und reichhaltig. Den Anfang macht ein hervorragend zubereiteter Borschtsch, irgendwo auf dem Tisch entdecke ich noch Hähnchen und Kartoffeln und verliere allmählich den Überblick. Höhepunkt stellt das Eintauchen von Vadiks Sohn Schoras Schnuller ins Vodkaglas dar. “Antiseptic.“
Ich schlage Aruschan vor, die Geschichte von gestern Abend im Hotel zu erzählen, er lehnt entsetzt und mit zutiefst ernster Miene ab. Das sei eine reine Männergeschichte und nicht für Frauenohren bestimmt.

Nach dem opulenten Mahl werde ich aufgefordert den beiden Herren der Schöpfung ins Monasterium Santa Aruschan, einem kleinen Gebäude nebenan, zu folgen. Mir wird erklärt, daß in den heiligen Gemächern Frauen keinen Zutritt haben. “Frauen nur Probleme.“ Die Leitregeln des Klosters zur Glückseligkeit sind “kein Sex, keine Politik, kein Streß“. “Nur Vodka, Philosophie, Art“. Gewährleistet wird dies durch Sauna, Massagebank, zwei Fernseher mit DVD-Player und Receiver für die Satellitenschüssel, Sofa und Bett sowie einem Tisch zum Einschenken des Vodkas. Vadik verzieht bei seinen Ausführungen das Gesicht, er erklärt: “Frauen…äe“ und macht eine entsetzliche Grimasse als ob tausend Dolche seinen Leib durchfahren. Die Türen werden verschlossen, die Arme emporgereckt und prähistorische Laute in Richtung der Frauen ausgestoßen, gefolgt von wüstesten Beschimpfungen. Der Name einer jeden im Haus sich befindlichen weiblichen Person (inklusive der Kinder) wird aufgezählt und mit Stöhnen, Ächzen und Grunzen kommentiert. “Women headache, headache. Ahh!!“ Ich empfinde eine tiefe Verbundenheit mit den beiden Archetypen und überlege in Anbetracht eines solchen Klosters doch religiös zu werden.

Image Hosted by ImageShack.us Eingang zum Kloster Santa Aruschan

Inzwischen hat Aruschan die Türen seines Geländejeeps geöffnet und läßt Louis Armstrong in das Kloster und die Nachbarschaft dringen. In Unterhose tanzend und mit selbstzufriedenem Gesichtsausdruck erinnert er an Balu, den Bären, und erklärt: “Ich…zehn Prozent Anarchist. Anzug. Krawatte. Nein. Anarchist!“
Vadik zeigt mir stolz eine Flasche, deren Form ich aus dem Chemieunterricht kenne, mit einem Geruch, den ich vom Tank des Wartburgs meines Großvaters kenne. “Samagon!“ Aus seinen begeisterten Gesten und englischen Silben entnehme ich, daß es sich hierbei um ein sehr hochprozentiges, lokal gebranntes und traditionsbehaftetes Getränk handelt. Voller Liebe und Hingabe hält er die Flasche in den Händen. Die beiden Bären sinnieren über
Alkohol, Prozente, Geschmack und Erleben. Der Professor für Geschichte steht auf, nimmt einen Aschenbecher, kippt den Inhalt der Flasche hinzu und kündigt an: “Malinki Experimenti.“ Der ethanolgetränkte Aschenbecher wird angezündet, die Glühbirne erlischt. Stumm und andächtig verfolgen die drei Insassen das Funkeln des Alkohols. Was wäre auch ein Kloster ohne andächtige Zeremonien?

Dem Besuch der heiligen Stätten folgt abends das Zusammensitzen mit meinen beiden Schwestern und meiner Cousine. Ich werde aufgefordert meinen Lebenslauf wiederzugeben und überlege mir, wann ich mit dem Schreiben meiner Autobiographie beginnen soll. Ich erzähle von hier und da, Berlin, München, Korsika; Arbeit, Künsten, Frauen; Wissenschaft und Vagabundentum. Mir wird attestiert, daß ich ein wahnsinnig aufregendes Leben hätte, was mir so noch nicht bewußt war. Ich denke an Hamburger U-Bahnen, Eppendorfer Stöckelschuhstudentinnen, Roger Kusch und deutsches Siechtum und sage: “Na ja..“

Alina erzählt mir stolz von ihrem zweiten Platz beim Gedichtwettbewerb an ihrer Sprachhochschule. Sie fragt mich, ob ich das Gedicht, für das sie eine Urkunde erhalten hat, von ihr vorgetragen hören möchte. Ich sage “Yes, of course, c’mon“ und höre eine so noch nie dagewesene Version von William Blakes “Earth’s answer“. Wüßte ich nicht, daß es sich um einen englischen Autor des frühen 19. Jahrhunderts handelt, hätte ich beim Zuhören an russische Märchen oder kirgisische Fabeln gedacht. Auch wenn ich kaum englische Worte vernehmen kann, klatsche ich nach “Selfish, vain, Eternal bane, That free love with bondage bound“, verlange aber keine Zugabe.“

Earth raised up her head
From the darkness dread and drear,
Her light fled,
Stony, dread,
And her locks covered with grey despair.

‘Prisoned on watery shore,
Starry jealousy does keep my den
Cold and hoar;
Weeping o’er,
I hear the father of the ancient men.

‘Selfish father of men!
Cruel, jealous, selfish fear!
Can delight,
Chained in night,
The virgins of youth and morning bear.

‘Does spring hide its joy,
When buds and blossoms grow?
Does the sower
Sow by night,
Or the ploughman in darkness plough?

‘Break this heavy chain,
That does freeze my bones around!
Selfish, vain,
Eternal bane,
That free love with bondage bound.’

Image Hosted by ImageShack.us Zwei Geschöpfe Gottes

Beim anschließenden Talk über Themen, die ich bereits vergessen habe, schaut Alina mich plötzlich groß an: ”Du weißt nicht, daß Gott diese Welt gemacht hat?“ Ich weise sie auf die kleine grammatikalische Unkorrektheit und darauf hin, daß es heißen muß “Du weißt, daß Gott diese Welt nicht gemacht hat?“
Nachdem sie im Badezimmer verschwindet um dort singend, tanzend und, wie mir von Diana berichtet wird, sich vor dem Spiegel betrachtend die nächsten ein bis zwei Stunden zu verbringen, beschließe auch ich den Abend zu beenden und ärgere mich darüber, daß Gott sich den Spiegel ausdachte als er diese Welt erschuf.

Die Nacht wird letztlich eingeleitet von den bis in den letzten Winkel des Hauses dringenden Pinkelgeräuschen von Professor Aruschan, gefolgt von einem abschließenden Rülpser


Kronprinz in den Bergen

Der mich am nächsten Morgen pünktlich um sieben Uhr Moskauer Ortszeit aus dem Bett pfeift. “Dawai, dawai, aujourd’hui project fantastique!“

Nach einem kurzen Frühstück geht es dann auf den Basar von Armavir. Auf der Fahrt dorthin zeigt der Professor mir seine Stadt und erklärt, warum es sich hier besser leben läßt als im verhassten Moskau. “Armavir…Kleine Stadt. Kleine Zentrum, kleine Stadt,…“ eine Babuschka überquert vor uns die Straße “kleine Frau… Das sehr gut.“

Auf dem Markt angekommen müssen Besorgungen für den morgigen Geburtstag meiner Schwester Diana gemacht werden. Der Professor schiebt seinen Bauch über den Platz und zwischen den Ständen hindurch, ergattert und erfeilscht dieses und jenes was auf der Einkaufsliste seiner Frau steht. Mit Plastiktüten in beiden Händen betreten wir eine riesige Markthalle, in der es Unmengen an Fisch, Fleisch, Käse und sonstigen Lebensmitteln gibt. Der Bauch des Patriarchen zieht die Blicke der Verkäuferinnen auf sich, die dann weitergleiten um an seinem exotisch wirkenden Sohn hängenzubleiben. Ich überlege mir, ob die 20- bis 50-jährigen Weibsbilder hinter ihren Ständen mich als Ehemann, Liebhaber oder Schwiegersohn erträumen und komme mir vor wie Zar Peters Mohr Ibrahim inmitten der Pariser Noblesse.
Nachdem wir dann mehr Lebensmittel erstanden haben als wir tragen können überlassen wir die Damenwelt ihren Würsten und Pasteten und setzen unsere Rundfahrt Richtung Institut von Professor Aruschan Aruschanowitsch Wartumjan fort.
Dort werde ich als Kronprinz eingeführt, diversen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen vorgestellt und gebeten, mindestens fünf Minuten im Büro von Professor Aruschan Platz zu nehmen. Dieser selbst erklärt mir, er müsse nun kurz arbeiten, seit seinem Abflug nach Moskau hätte sich Arbeit angesammelt. Ich bekomme eine von ihm signierte Ausgabe eines Journals, deren Herausgeber er ist, dann werden noch ein paar Stapel Papier durchblättert und von einer Seite des Schreibtischs auf die andere geschoben.
Nach getaner Arbeit treffen wir auf dem Flur Professor Kononenko, einen Geschichtsprofessor mit lederner Baskenmütze, dem wir für einige Minuten in sein Büro folgen. Dort packt Professor Aruschan den Einkaufszettel seiner Frau aus, verliert einige Worte, die ich nicht verstehe, um letztlich mit seinem Kollegen in Gelächter einzufallen.
Die Vorstellung, der Kronprinz könne auch eines Tages ein geräumiges Büro in einem Institut in der russischen Provinz haben, in dem er mit seinen Kollegen über Einkaufszettel der Ehefrauen fachsimpelt, fasziniert mich.
Wir verabschieden uns um den Einkauf in die heimische Küche zu bringen und uns mit gebratenem Fleisch, Omelette, Gemüse und armenischem Brot auf die Berge einzustimmen.
Vor der Abfahrt wird mir feierlich das bereits in Moskau erwähnte Messer überreicht. Nachdem demonstriert wurde, wie es an einen Türkenhals anzulegen ist, verladen wir Equipment, Proviant und Diana in den Jeep. Nona steht am Hoftor, Aruschan legt den ersten Gang ein, bekreuzigt sich und tippt auf das Jesuskreuz in seinem Mitzubishi Outlander.

Image Hosted by ImageShack.us “Heiliger Vater, der du wohnst im Himmel, schütze unsre Berge, unsren Wein und unsren Vodka, mach , daß unser Jeep noch lange treue Dienste leistet, unseren Frauen ein reiches Abendbrot gelingt und wir rechtzeitig zur Bundesliga wieder zurück sind. Amen!“

Wir fahren Richtung Maikop, Hauptstadt der Provinz. Unterwegs passieren wir Urmia, ein kleines assyrisches Dorf in Rußland. Aruschan dreht den Sound seiner Jazz-CD auf und philosophiert über Dinge, die es nicht auf die Seiten meines Tagebuchs geschafft haben.
Wir halten an einem kleinen Naturmuseum an der Landstraße mit allerlei undefinierbaren Eskheiten.



Auf der Fahrt kommen wir an einem kleinen Ort vorbei, der den Namen “Dorf des Glücks“ trägt. Hier ließen sich in den 90er Jahren Muslima aus Bosnien nieder, die aus ihrer Heimat fliehen mussten. Die errichtete Moschee zeugt noch von der kurzen Besiedlung des Ortes durch Moslems, inzwischen sind diese in ihre Heimat zurückgekehrt, die Häuser auf ihrer Seite durch ansässige Armenier aufgekauft.
Wir halten an einem Stand von kasachischen Männern und Frauen und erwerben drei Bündel einer mir nicht bekannten Pflanze, die uns später in der Sauna zum Auspeitschen dienen soll.
Am Fuße des Kaukasus durchfahren wir eine Stadt, in der hauptsächlich Familien der Soldaten leben, die nach Tschetschenien geschickt werden, um dort zu foltern, morden, gemordet zu werden oder als psychische Wracks zurückzukehren.
Durch dichten Nebel gelangen wir schließlich auf ein Plateau, von dem aus sich uns die Berge entblättern.


Auf der Rückfahrt machen wir Halt an einer Stelle, an der nach einem Meteoriteneinschlag das Magnetfeld gestört ist und kein Kompaß funktionieren kann. Wir schleppen Wein, Tee, Wurst, Brot und Gemüse in den Krater und halten unsere Bäuche in die Sonne.

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Die Stände am Wegrand sind auch bei unserer Rückfahrt noch aufgebaut, nur der Hund hat die Straßenseite gewechselt und sich am anderen Ende ins Feld gelegt.

Zurück in der Pervomaijskaja gibt es von Nona zubereitete Pelmeni. Ich esse vier Teller und bedauere, daß ich nicht das Fassungsvermögen meines Vaters habe.
Mit letzter Kraft schleppe ich mich anschließend ins Kloster Santa Aruschan, um mich von meinem Vater massieren, einreiben und in der Sauna auspeitschen zu lassen. Er erklärt mir, daß nun der ganze “Moskau-Dreck ausgeschwitzt“ werden müsse.

Image Hosted by ImageShack.us “Russian Banja, body fly!“

Glückselig liege ich nach der sich ewig hinziehenden Sauna-Zeremonie auf der Massagebank und verspüre Durst. Ich frage meinen Vater, ob er hier etwas zu trinken habe, er bringt mir eine Kanne frisches Quellwasser an die Liege und antwortet: “Jawohl; du Führer, ich Ribbentrop.“
Der Führer selbst zappt sich durch arab 69, hot arab, iransex et al. um letztlich die Zeit bis zur Bundesliga mit einem Jesus-Drama auf Holy God 2 zu überbrücken.
Ich frage Vadik um was für eine Pflanze es sich bei den Zweigen für die Sauna handelt. Vadik erwidert Verschiedenes, was ich nicht verstehe, und bringt mit dem Vodkaglas in der Hand den ersten Toast des Tages. “Allah akbar!“ Ich stimme ihm zuprostend und –prustend bei, er schiebt noch ein “No pasarán!“ hinterher.
Danach erklärt Vadik mir die russische Seele und führt aus, warum die Russen ein hochpolitisiertes Volk und den Amerikanern überlegen sind.
“Russian people very interested in politics, watch tv, read magazines, american people not good, not interested. Just meat…chips…not good.” Zum Beweis zeigt er mir stolz eines solcher Hefte, die das Politometer des russischen Volkes darstellen. “Aruschan, ’Russian Newsweek’!“.
Er fängt an das Heft zu durchblättern und schlägt die erste Seite auf. Eine Werbeanzeige für Automobile sticht ins Auge. “Oooohh, Audi.“ Auf Seite zwei ist eine überdimensionale Flasche Jameson zu sehen. “Uuuuhh, Whiskey!!“

Vadik ist ungefähr 15 Jahre jünger als mein Vater und hat an seinem Institut Finanzwesen und Ökonomie studiert. Jetzt arbeitet er auf einer Farm ein paar Kilometer von Armavir entfernt und ist dort wohl hauptsächlich für Finanzielles zuständig. Er erzählt mir stolz von seinem Vater, der ein hohes Tier und strammer Kommunist gewesen sein soll. Ich mache mir Notizen zu seinen Ausführungen in meinem blauen Büchlein, das ich auch fast mit in die Sauna genommen hätte. Vadik fragt mich, warum ich ständig etwas aufschreibe. Ich erkläre ihm, daß ich ein Tagebuch schreibe und alle Eindrücke festhalte, um sie dann in Deutschland zu einem Buch zusammenzufügen.
Mit dem Blick eines kleinen Jungen vor einem Eiswagen und leiser Stimme fragt mich der über einhundert Kilo schwere russische Bär, ob er auch darin vorkomme. Ich versichere ihm, daß er mit Sicherheit den ihm gebührenden Platz im Buch einnehmen wird. Daraufhin wird meine gesamte Familie gesegnet, Vadik wünscht mir “much money“, “big car“, “big house“, “long life“, “everything“.

Danach läßt er mich an seiner Vorfeude auf den morgigen Tag teilhaben. “Tomorrow good day, good day. Diana’s birthday. Meat, Schaschlik, Vodka,…presents. Good day.” Im Zusammenhang mit diesem good day erwähnt er [goud] vodka, es war mir nicht möglich zu eruieren, ob es sich um good, gold oder god vodka handelt.

In der Küche stöhnt ein ums andere Mal die erschöpfte Nona, die bis in die Nacht Essen für den good day vorbereitet. Ein Gespräch über den Ursprung der Musik gestaltet sich auf Grund der Sprachbarriere als überaus schwierig.
Nachts um vier klingelt mein Handy und reißt mich aus dem Schlaf. “Hallo, hier ist Philipp, dein Banknachbar aus der Schule. Ich wollte mich mal melden, wir sind hier grad auf ner Party und Faber meinte, du wärst sicherlich noch wach.“ Ich benötige fünf Minuten um tatsächlich wach zu werden und zu realisieren, daß mich jemand nach zehn Jahren gerade dann kontaktiert, wenn ich hinterm Kaukasus verschwunden bin. Ich stammel irgendwas von “Rußland“ ins Telefon und sinke wieder in mein Kissen…


The Art Of Schaschlik


…um ein paar Stunden später meine Schwester zu drücken, zu küssen und ihr zum Geburtstag zu gratulieren. Aruschan hält einen langen Trinkspruch, ich schaue mir Kindheitsfotos meiner Geschwister an und werde danach zu einem “Studentenfrühstück“ an den Tisch gebeten. Mein Vater brät Eier und Fleisch in der Pfanne, bietet mir Brot an und prostet mit selbstgegorenem Wein zu. “Guten Morgen.“Danach gehen Sasha, Nona und Diana in die Stadt, um das Geschenk (ein neues Handy) zu besorgen. Aruschan und ich fahren durch Armavir und steuern zuerst den Friedhof an, um Blumen zum Grab meiner Großeltern zu bringen.

Image Hosted by ImageShack.us Aruschan Ludwidowitsch und Klawdija Sergejewna

Auf der anschließenden Rundtour durch Armavir zeigt Aruschan mir das armenische Viertel. Wir fahren dreimal an seinem Institut vorbei, er zeigt mir die städtische Sauna, um letztlich im Getränkemarkt zu landen. Dorthin schafften es allerhand merkwürdige deutsche, holländische und tschechische Biere. Die russsischen Biere sind unter anderem in 2-Liter-Plastikflaschen erhältlich.
Wir verladen die Paletten mit Wasser und Limonade in den Wagen und fahren dann durch das Klinikviertel zur armenischen Kirche. Vor dem Altar stehen flehend und betend die Babuschkas mit ihren Kopftüchern, in der letzten Reihe sitzen die heißen Stuten in Miniröcken und draußen versammelt sich der männliche Rest, raucht Zigaretten und freut sich des Lebens und des Sonnenscheins. Der kleine Aruschan steckt die ihm gereichte Kerze in den Sand und erfüllt damit seine Pflicht als tiefgläubiger Mensch. Zwei Bettlerinnen vor der Kirche werden von Aruschan senior ein paar Münzen zugeworfen, bevor im Auto dann die Sinn-und Identitätskrisen hervorbrechen. “Ich Problem… Ich nicht armenische Mensch, ich nicht russische Mensch, ich nicht ukrainische Mensch. Ich Dostojewskimensch. Kosmopolit. Gut und schlecht. Aber Problem.“
Daraufhin wird auf die Existenzphilosophie verwiesen, Camus, Sartre werden erwähnt und können bei Aruschan junior nur ein gleichgültiges Mini-Brummeln hervorrufen.

Wahrhaft existenzialistisch wird es dann vor dem Vodka-Regal. Kaufmann oder Zar Peter, Gold oder God Vodka. Aruschan nimmt eine Flasche nach der anderen in seine Hände, begutachtet sie fachmännisch, wiegt sie hin und her.
Letztlich fällt die Wahl auf “Parliament“. Es ist eben doch ein hoch politisiertes Volk.

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Als wir die fünf Flaschen im Kofferraum verstauen wollen, muß Professor Aruschan feststellen, daß sein Jeep in der Zwischenzeit von einem Lada Sputnik, der wohl aus der Erdumlaufbahn gefallen ist, eingeparkt wurde. Ich werde Zeuge wüstester Flüche und unspektakulärer Wendemanöver.
Wir sind auf dem Heimweg und treffen noch Ala Petrova, eine Weißrussin, die Professorin für Geschichte ist. Sie hat bei Aruschan dissertiert und muß sich dafür den Rest ihres bzw. seines Lebens drücken lassen. Sie überreicht Aruschan eine Tüte mit “Trinken“ und erhält vom Professor das Zertifikat “Belarus: Gutmensch“.
Auf einer Art Ralley-Piste ruft Aruschan mir amüsiert zu: “Aruschan, das, russische Straße. Fotografia!“ Und während ich meine Kamera greife, taucht vor uns ein Großväterchen auf, mit beiden Armen tief versunken eine Schubkarre vor sich her schiebend. Der Geschichtsprofessor sieht sich wieder zu heftigen Flüchen und Hupen gezwungen, was das Großväterchen jedoch in keinster Weise zu berühren scheint.
Wie könnte es auch.

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Zu Hause wird mir stolz Dianas neues Handy präsentiert. Danach geht es ans Eingemachte, i.e. Schaschlik. Aruschan, Vadik und ich gehen mitsamt der Fleischtöpfe auf die Veranda vor den Ofen und die Philosophenbank.

Image Hosted by ImageShack.us “Das, Philophía, Kosmos, uff!!“

Vor mir wird die gesamte Weisheit der kaukasischen Schaschlikzubereitung ausgebreitet. Das Wichtigste ist, daß der Jüngste in der Runde den Vodka einschenkt. Ich werde gefragt, ob ich diese Tradition in Deutschland fortführen werde und sehe mit an, wie alle weiblichen Geschöpfe zurück ins Haus gescheucht werden, da nun die Enthüllung der Geheimnisse der Schaschlikkunst naht. Diese bestehen hauptsächlich darin, daß man die Stücke längs und nicht quer auf den Spieß steckt. Esk! Das Geheimnis des Atmens besteht darin, daß man die Luft in die Lungen saugt und nicht an den Baum pustet.
Ich merke jedenfalls schnell, daß ich Zeuge eines zutiefst männlichen und ehrenvollen Rituals bin.
Während Aruschan die Spieße vorbereitet, erzählt Vadik davon, daß man unheimliche Kopfschmerzen bekommt wenn man morgens Vodka trinkt, aber zusammen mit Wasser ginge es, “uuuuhhhh“. Beim Blick ins Vodkaglas fällt ihm seine Schwester ein, die vor kurzem eine Tochter bekam. Wenn der Mann zu einem so feierlichen Moment drei Tage lang Vodka trinke, könne die Frau ihrem Kind ausreichend Muttermilch geben.



Anschließend wird im Wohnzimmer gespeist und vor allem getrunken, an dieser Stelle werden meine Aufzeichnungen unleserlich.


Dopeness, Eskheit, Flavor, Künste pt.II

Die Nacht dient der Rehabilitation, bereits am nächsten Morgen geht es im Trolleybus zum Institut meiner Schwester Alina.

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Dort wurde mein Besuch bereits einen Monat vorher angekündigt und scheint etwas Außergewöhnliches und Exotisches darzustellen. Ich enter den Klassenraum und werde gebeten am Lehrerpult Platz zu nehmen. Zu mir gesellen sich Irina Vladimirovna und Svetlana Georgievna, die mich bitten etwas über mich, meine Stadt und mein Leben zu erzählen um ihren Studenten Praxis in der englischen Sprache zu ermöglichen

Image Hosted by ImageShack.us “Yes, I’m aru, I make dope beatz, I fight against Hurensöhne, y'knowmsayn“

Ich sehe mich vor einer stummen Klasse, bestehend aus ein paar Provinzbengels und einem Haufen Hühner, die mich verschüchtert mit großen Augen anstarren. Irina Vladimirovna und Svetlana Georgievna fordern ihre Studenten immer wieder auf “to ask our guest some questions“. Diese jedoch lächeln nur verschämt und schauen mich weiterhin mit großen Augen an. Einzig ein wackerer Bursche wagt den interkulturellen Austausch und will von mir wissen, ob ich Internetseiten hacke. Dann werde ich gefragt, ob ich ein Auto habe, was ich verneine. “Nutten gibt’s genug, ich geh zu Fuß oder per Penis.“ Dann was für ein Auto ich würde haben wollen. In diesem Stil geht es weiter und so allmählich trauen sich auch die mutigsten der Weibsbilder und fragen mich, welche Art von Frauen ich mag. Ich erkläre, natürlich die hübschen, also Armenierinnen und Kolumbianerinnen.
Zum Abschluß dieses großen Events wird noch ein gemeinsames Foto geschossen und mir feierlich eine Tafel Alpengold-Schokolade überreicht. Dann wiederholt sich die ganze Prozedur im Deutschkurs zwei Räume weiter.

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Anschließend sehe ich mich in einem Pulk von Alinas Freunden, die uns jetzt durch die Stadt begleiten und nicht von meiner Seite weichen. Als erstes zeigt mir Alina das Hauptgebäude der Universität. Ich zeige mich vor allem von den Toiletten beeindruckt.



Wir gehen an der Bibliothek vorbei, ich frage sie ob wir dort kurz verweilen können. Mich interessiert das Angebot ausländischer, vor allem deutscher, englischer, spanischer und französischer, Literatur. Wir betreten einen Raum mit kleinen Regalen und engen Gängen, in dem ein paar Mütterchen ihre Brote auspacken. Ich lasse meine Anfrage von Alina übersetzen und erhalte als Antwort “the man in the car“, was vermeintlich den Titel irgendeines Buches darstellen soll, und daß die Bücher “secret“ seien. Ich frage nach, ob das ein Witz sein soll, dessen Pointe ich nicht verstehe. Ich lasse meine Frage wiederholen und ernte böse Blicke und scharfes Stöhnen der drei Dienstleisterinnen. Ich lasse meine Frage erneut wiederholen. Eine der drei Frauen legt daraufhin ihre Gurke aus der Hand, erhebt sich unter jammervollem Stöhnen um zwei Minuten später mit exakt sieben Taschenbüchern in der Hand wiederzukommen, die sie nebeneinander vor mir ausbreitet. Ich betrachte staunend die Ausgaben von Oscar Wilde, Agatha Christie und Jack London und bedanke mich fürs Erste über diese Informationsflut um anzufügen, daß ich eigentlich nur wissen wollte, wo ich ein Regal (oder unter Umständen auch mehrere Regale) mit ausländischer Literatur finde. So allmählich scheint die Lebenskraft in die Bibliothekarinnen zurückzukehren, nun erhebt sich eine zweite um zu erklären, daß nur Alina und ich ihr folgen dürften. Eskortiert von den beiden Heldinnen der Arbeit drängen wir uns durch unglaublich enge Gänge zwischen diversen Bücherregalen hindurch um vor einem der hintersten zu halten. Die nächsten zehn Minuten bekomme ich nun abwechselnd von links und rechts Taschenbücher in die Hände gelegt, deren Titel ich sorgsam notiere.

H.G.Wells “The Stolen Bacillus“
Oscar Wilde “Fairy Tales”
John Fowles “The Ebony Tower”
Charles Dickens “Oliver Twist”
James Hadley Chase “A Lotus For Miss Quon”
Agatha Christie “Ten Little Niggers”

Ich erkläre nach einer Weile, daß ich nun genug notiert habe und frage noch nach deutschen oder spanischen Büchern. Man erklärt mir, daß man sowas wohl im Hause habe, aber grad nicht wisse, wo. Ich bedanke mich fürs Erste für so viel Hilfsbereitschaft und gehe mit Alina zurück zu deren wartenden Freunden.
Wir schlendern weiter durch Armavir, durch den Stadtpark, über einen Markt, verlierern kurzzeitig die beiden Freundinnen Alinas und werden dann von Aruschan eingesammelt um auf einen Hügel vor der Stadt zu fahren.

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Dort wird vom Professor eine kleine Geschichtsstunde auf Russisch abgehalten, der ich leider nicht folgen kann.

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Auf der Tolstoi-Straße geht es weiter zum einem Haus, in dem Solschenizyn eine Zeit lang gelebt hat. Auf dem Weg kaufe ich ein Stück Brot und eine Wurst, aus der Knochen und Knorpel herausragen und biete diese Köstlichkeiten feierlich der reisenden Meute an.
Nachdem die Wurst zerhackt und sagenumwobene Pferde bestaunt sind, freue ich mich auf den letzten Abend mit meinen Schwestern. Jedoch hat Professor Aruschan bereits andere Pläne geschmiedet.
Aruschan erklärt mir, es gelte nun der wohl besten Sauna des Umlandes einen Ehrenbesuch abzustatten, “nur fürs Protokoll“. Ein paar Minuten stadtauswärts werden wir auf dem Grundstück Lewas Marmorfabrik bereits von einer sich ums Lagerfeuer versammelten Männerrunde erwartet. Man prostet sich respektvoll zu und genießt die von Lewa zubereitete Fischsuppe. Vadik ist erneut mit von der Partie und preist die Delikatesse als “man soup, hand made, uhhhhh“.
Nach einer sorgsam durchgeführten Saunaorgie, bei der die mir später von Aruschan als “kleine armenische Mafia“ vorgestellte Männerbande im Planschbecken die eskesten Kleinkinderspiele aufführt, besichtigen wir die zwei Hallen, in denen Lewas Maschinen lagern und die aus Italien, Spanien und Indien importierten Marmorblöcke zurechtgeschnitten werden. Das Material entpuppt sich als sehr edel und wird des nachts stets von Lewas Vater mit der Knarre neben dem Tor sitzend bewacht.

Image Hosted by ImageShack.us “kleine armenische und ukrainische Mafia“

Nach einem ausgiebigen Abendspaziergang mit Alinas Freunden und dem Verzehr eines ziemlich mittelprächtigen Bieres mit dem verheißungsvollen Namen Bavaria sehe ich mich zurück in der Pervomaijskaja vor einem Tisch mit ausgebreiteten Geschenken für die gesamte Familie in Deutschland stehen. Jedes der Geschenke wird genauestens kommentiert und einem speziellen Familienmitglied zugewiesen, obwohl sie sich lediglich in ihren Promillezahlen unterscheiden.
Sascha hat in der Zwischenzeit sein Lieblingsbier in vierfacher Ausführung für mich besorgt. Der erste Schluck dieses Getränks, das 2,50 Euro pro Flasche kostet, aus Holland kommt und Golsch heißt, läßt zwei Fragen in mir aufsteigen: 1. Was für Menschen stellen so etwas her und gibt es eine Möglichkeit sie juristisch dafür zu belangen? 2. Was mache ich mit der angebrochenen Flasche?
Ich entscheide mich dafür, das stolze Gesöff unauffällig auf dem Tisch stehen zu lassen und unterhalte mich zur Ablenkung mit Alina. Sie sagt, daß sie und Diana Protestantinnen seien, während ihre Mutter und ihr Vater der russisch-orthodoxen Kirche angehören. Ich denke kurz an den nackt im Monasterium Santa Aruschan tanzenden Anarchisten und nicke bedächtig mit dem Kopf. Alina meint, man müsse in ihrer Gegend die Religion annehmen, sie werde einem vorgegeben. Ich erkläre ihr, daß in Deutschland jeder Mensch seine Religion prinzipiell frei wählen kann. Sie antwortet, daß sie das sehr gut findet und ich bin froh, daß meine Schwester so denkt.


Armavir-Moskva

Alina bügelt ihrem Vater das Hemd, der barfuß und in Unterwäsche ins Zimmer kommt und nicht aufhören kann, sie dafür zu loben. “Ahhh, maladiez. Super-Alia. Das [Finger auf Alina] Super-Alia, das [Finger auf mich] Super-Arier.“
Besorgnis dann beim Begutachten der Tasche und des Rucksacks. 20 Kilo? Allein der große bringt es auf das Grenzgewicht, dazu handgewogene 5 für das Handgepäck. Nona legt noch einmal gefühlte 200 Gramm mit einem Küchenkalender für meine Küchenmama drauf.
Kurz vor der Abfahrt zum Flughafen nach Krasnodar kommt Vadik vorbei um mich zu verabschieden und den Vodka in den Morgenstunden entsetzt abzulehnen: “Rabota, Rabota.“
Punkt neun 9 Uhr dann die Abfahrt, Versammlung vor der Einfahrt in die Pervomaiskaja 71. Drücken, Küssen und Herzen, es wird von Seiten Aruschans nochmals darauf verwiesen, daß der Ausbau der dritten Etage in Planung und dieser dann ausschließlich “relax“ vorbehalten ist. “Musika, Poesie, puhhhh“. Kein Kontakt mehr mit dem dreckigen Boden, die Verbindung zum Kosmos wird angestrebt.
Nach der Verabschiedung von Nona und Diana (Alina musste bereits früher zu ihrem Institut) steuern Sascha, Aruschan und ich Richtung Krasnodar. Nach 5 Minuten Fahrt wird ein Schild mit der Aufschrift “Pressa“ herausgeholt und hinter der Windschutzscheibe befestigt.
Wir halten auf dem Universitätsparkplatz und hetzen durch die Gänge des Instituts. Hände werden geschüttelt, Wangen geküsst, Witze gemacht.
Doch Wachmilizen und Sekretärinnen können für den Kronprinz natürlich nur Durchgangsstationen sein, wir landen im pompösen Saal des Rektors der Universität. Dieser selbst wird mir als Haremsleiter vorgestellt, ich bekomme einen Prospekt mit Abbildungen diverser Studentinnen in die Hand gedrückt mit der Aufforderung ich solle mir aussuchen was immer mir beliebt. Dies alles unter den Argusaugen des an der Wand thronenden scheidenden Staatspräsidenten. Ich bitte die beiden stolzen Charaktere für ein Foto im Raum der Eskheit zu posieren und zögere nicht den Knopf zu drücken.

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Danach betreten wir ein Büro mit zwei Sekretärinnen, denen ich natürlich auch vorgestellt werden muß. Die eine sei Großbuchhalterin, die andere Kassiererin, beide also für den Harem unabkömmlich. Ein Foto mit einer weiteren Sekretärin muß noch geschossen werden, dann verliere ich langsam den Überblick über das Rock tragende Mitarbeitertum in diesen heiligen Hallen.

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Nach einem abschließenden Fotoshooting auf dem Gang des Instituts mit und vor versammelter Mann- und Frauschaft kann die Fahrt zum Flughafen dann fortgesetzt werden.
Aus dem Radio erdreist sich schlechter englischer Latino-Pop. Tanzbär Balu wirft die Hände in die Luft und fängt an zu rufen: “Latino. Viva Kuba. Viva Fidel. No pasarán!“
Ich bin nach einer Weile tief in die Hinterbank versunken und werde von Sascha geweckt. “Aruschan, beautiful nature. This, beautiful nature.“ Beeindruckt vom Ausblick wird diese Aussage dreimal wiederholt. Ich öffne meine Augen und schaue aus dem Fenster um grünes Flachland und braune Äcker zu sehen, die auch aus der ostmecklenburgischen Einöde importiert sein könnten. Ich schalte um in den Diplomatenmodus und erkläre: “I like more the mountains.“
Der zweite Weckruf dann von russischen Dorfjungen in Polizeiuniform. Menschen, Dinge, Emotionen. Flüche werden ausgestoßen, in Farbe gedruckte Visitenkarten gezückt und pubertären Polizeiproleten, die nicht Politik von Politur unterscheiden können, vorgezeigt. Reaktion etwa Null. Die Flüche werden lauter, intensiver und emotionaler. Ich frage Sascha, was jetzt hier grad vonstatten geht. Er sagt er wisse es auch nicht so genau, Aruschan habe aber mein Flugticket irgendwo in Armavir zwischen Vodkagläsern und Schaschlikspießen vergessen.
Lord Quas gibt seinen Kommentar aus den headphones meines mp3-players (“Chippin-cause that’s all that life is“) und nach einer Viertelstunde kann die Fahrt fortgesetzt werden.
Ich frage Aruschan, was es mit den überall am Wegrand stehenden zweidimensionalen Polizeiautoatrappen (eine tatsächliche Sehenswürdigkeit) auf sich hat. Die Fluchkaskade wird fortgesetzt und erklärt: “Police miltarii idioiti.“ “Debil!!“ Daraufhin imitiert Professor Wartumjan einen Scharfschützen, gibt Sascha den Befehl loszurasen (“Schumacher“) und feuert auf alle überholten Fahrzeuge. “Kaputt!!!“ “Kaputt!!“
Wir erreichen unversehrt Krasnodar und kaufen das letzte noch verfügbare Flugticket. An der Paßkontrolle dann moves überesker Ausmaße. Ein in seiner Uniform festgewachsener Russe verlangt eine Registrierungskarte, für die ein echter Wartumjan (“Ich bin russische Soldat, aber armenische Offizier“) selbstredend keine 40 Euro in die Bürokratiemaschine wirft.
Die Schlange hinter dem Schalter wird länger und lauter, unser Held der Arbeit macht ohne mit dem Schnurrbart zu zucken oder so etwas wie Worte zu verlieren mit beiden Händen die Form der Registrierungskarte nach. Immer und immer wieder. Letztlich gibt er auf (Ermüdungserscheinungen?) und läßt uns enttäuscht passieren. Das Handgepäck wird durchleuchtet und blinkt auf. Goldene Uhr (Pulp Fiction) schlägt Alarm, landet aber statt in Bürokratenärschen an meinem Handgelenk. In der Vorhalle salutiert der Professor (“Mein Führer“) ein letztes Mal, verabschiedet mich und läßt sich von Schumacher vorbei an Polizeiatrappen zurück nach Armavir zu einer Konferenz boosten.
Ich enter die Maschine, begrüße die Stewardess mit festgefrorenem Gesicht um letztlich neben Valeria Platz zu nehmen. Valeria ist pensionierter Pilot aus Jekaterinburg, in Brest geboren. Auf meine Frage was er in Krasnodar macht bzw. warum er jetzt unterwegs ist antwortet er, seine Frau sei vor einem Tag an einem Schlaganfall gestorben. Während er dies sagt zittern seine unruhigen Hände. “It’s terrible.“ Ich kann nicht mehr als ihm sagen, daß mir dies sehr leid tut und ihm alles Gute und viel Kraft wünschen.


Gruppenbild mit Stalinschwester


In Domededovo gelandet rufe ich K.l.a.u.s. an um mich abholen und bequem zu ihm ins Wohnheim eskortieren zu lassen. “Aru, paß auf, wir waren grad noch im Kino, wir schaffen das jetzt nicht mehr rechtzeitig. Du mußt so nen Zug nach Moskau rein nehmen, der heißt ’Express’. Wir holen dich dann von der Station ab.“
Während Spektral also noch große Filmkunst (“10.000 B.C.“) nachwirken läßt, durchquert der Aru stehenderweise in vibrierenden Waggons heruntergekommene Fabrikgegenden und bröckelnde Betonsilos, in denen Menschen zu leben scheinen. Das perfekte Ambiente um von FSB-Schergen aus dem fahrenden Zug geworfen zu werden.
Vom Bahnhof geht es weiter mit U-Bahn und ein paar Minuten in der überfüllten Marschrutka, die für Spe-Members auf der Suche nach Eskheiten nicht eng genug sein kann.
Das Wohnheim (“Zuckerbäckerstil“) ist lächerlich pompös und trägt in seinem Bauch allerlei eskes. Der Eingang wird bewacht (?) von debilen militarii idioti mit Maschinengewehren. Marcus und ich müssen unsere Pässe vorzeigen und Klaus seinen Paß für uns hinterlegen um in den Uterus der Stalinschwester vorzudringen.
Bei jedem Betreten des Aufgangs zu Klaus’ Fahrstuhl müssen wir unsere Gästekarten abgeben, die von zwei, manchmal auch drei Wachposten in einer Kommode mit mehreren Schubladen verstaut werden. Um 23 Uhr haben die Gäste das Haus zu verlassen, nur dann erhält man seine Papiere zurück.
Klaus hat Besuch von seiner Schwester Johanna, mit der wir in die Mensa (ein Ort der Ruhe und Kraft) gehen um uns zu stärken. Johanna reißt das Tablett mit dem Gebäck herunter, erntet von der “Bedienung“ tötende Blicke und von mir Trost und Zustimmung: “Das passiert hier bestimmt öfter.“
Beim gemeinsamen Abendmahl wird sich über den Geheimdienst ausgetauscht und mehrmals instinktiv umgeschaut. Ich verzehre Fischsuppe, Bratkartoffeln, Pizza, Trinkkompott (nicht empfehlenswert), Wasser mit Zitrone, Weißbrot und Mohngebäck für 96 Rubel. Für den Preis sollte eine kleine Bespitzelung inklusive sein.
Auf Klaus’ 2qm-Zimmer erzählt Johanna mir von Malawi und HIV, TBC, Geschwüren, Abszessen und drei Krankenhäusern für 13 Millionen Menschen. Um die medizinische Versorgung wird sich hauptsächlich von kanadischen und amerikanischen Ärzten bemüht.
Die interessanteste Tatsache, von der sie zu berichten weiß, ist die zum Teil heute noch auf dem Lande vorherrschende Unkenntnis der Zahlen, die erst mit den britischen Kolonialherren zusammen mit der englischen Sprache ins Land gebracht wurden. So wird sich in den abgelegenen Gebieten um sich über Mengenangaben zu verständigen Vergleiche der Form “Ich habe mehr Tiere erlegt als Bäume auf dem und dem Hügel stehen“ bedient.
Nach interessanten und für den Aru lehrreichen Unterredungen geht es dann zu zwei Uschis in höheren Etagen des stalinistischen Monumentes.
Zuerst ergreift Klaus die Gelegenheit beim Rocke und animiert die Matroschkas zu (Rohei-) Klettereien um Moskau aus der Höhe zu genießen und auf klausesken Pfaden zu wandern. “Pffff, die waren noch nie hier draußen. Dabei ist das Dach nur einen Fenstersprung entfernt.“
Das Unbehagen will erst weichen als spektrale Hände Hilfestellung an Hüften und Hintern bieten.

Image Hosted by ImageShack.us Stadtmusikanten

Nach der Tour de Klaus in luftiger Höhe mit gutem Blick werden wir steif und förmlich auf das Doppelzimmer der beiden Abenteuerinnen gebeten, jedoch wird jedem ein eigener Teebeutel für seine Tasse gereicht, was im interkulturellen Austausch als Ehre zu verstehen ist. Marcus bewundert das Tokio Hotel Poster überm Bett und Klaus versucht zu vermitteln, wo es nichts zu vermitteln gibt. Die eine Uschi erzählt nach einiger Zeit, daß sie aus einer geheimen Stadt kommt. Die andere sagt meistens gar nichts und ist zu schüchtern um mit mir zu flirten.
Dann, wahrscheinlich aus kommunikativer Hilflosigkeit und Unkenntnis ihrer Gegenüber, der folgenschwerste Fehler des Abends: “And, how do you like Moscow?“ Ohhhh, nigga, please, woher hätten diese naiven Dorftanten auch wissen sollen, daß Mr. Schan, last underground hero, full-time fronter und Retter der Realness, vor ihnen sitzt bzw. sich in ihrem Bett breit macht. Und so wird gespittet wie nichts gutes: “Moskau is some nasty shit, I don’t like this city, people are fucked here, stressed out. I can’t stand the noise, it’s unsupportable, fuck the police, everywhere, always, dumb motherfuckers, how can you live always being watched by ugly FSB-agents?, what the fuck!!!, how can you live always being observed and told what to do?, fuck the police!!! Putin is a son of a bitch, of a nasty bitch, and, tell me, why do guests have to leave at 23o’clock? I mean, what the fuck, you live here, you pay your rent, and if you wanna talk and I wanna talk we do as long as we want to. I don’t give a shit what some dumbheads say. I don’t like it anyway!” Ich schaue in entsetzte und starre Gesichter und schiebe ein “If I’m allowed to say that, or will some FSB agents come and catch me now?“ hinterher.

Das Tischtuch war nicht zerschnitten, es war zerfetzt. Ein letztes Mal wird der Versuch der Konversation gestartet.
“Do you like Moscow????“
“Yes, I like it.“
“And why do you like it, if I might ask.“
“Well, it’s the capital.”
Der Brustton der trotzigen Überzeugung, mit dem solch große Sätze hervorgebracht werden, ist dann doch zuviel für den Aru. “C’mon, Pjöngjang is also the capital of North Korea.“
Nach einigen Minuten der Beklemmung, die der Zeiger auf der Uhr weiter Richtung elf wandert, werden wir eingeladen gerne mal wiederzukommen.
In der Metro auf dem Weg zu Maxime, unserer Bleibe für die nächsten zwei Nächte, versuche ich mich mit Marcus zu unterhalten. Ich will ihm zuhören, er brüllt mir ins Ohr. Ich kann ihn nicht verstehen. Wir warten bis die Bahn an der Haltestelle stoppt um kurz ein paar Worte wechseln zu können.
Beim Verlassen des U-Bahntraktes passieren wir einen Kiosk. Marcus zeigt auf den Schuppen: “Der Typ, der dort arbeitet, is dope. Der hat mir nen Labello geschenkt.“
Die Nacht dient der kommunikativen Verarbeitung des Dargebotenen und bringt nicht regulierbare Heizungen, Theatervorführungen mit Klaus als deutschem Postbeamten und U-Bahndurchsagen, zu Hause den Herd auszuschalten, zurück ins Bewußtsein. Marcus liegt auf der Couch und gibt einen esken Kommentar nach dem anderen von sich.
Der schönste faßt das bisher Dargebotene treffend zusammen.
“Ich hab noch nie so viele Ärsche gesehen.“


Quadratische Hosen

Nach langem Ausschlafen beim frischgebackenen Couchsurfer Maxime kommt Marcus 20 nach 10 hinter seinem Sessel hervorgekrochen. Zum Frühsport wird die Fernbedienung gegriffen und exzessiv gezappt. Fasziniert starre ich auf den Bildschirm als Marcus bei einem russischen Al-Bundy-Abklatsch hängenbleibt. Nach einer halben Woche in Maximes Abstellkammer ist telemedial-Groupie und Thomas-G-wie-Gerhard-Hornauer-Verehrer Marcus ein wahrer Kenner der flimmernden Künste. Er erklärt mir, daß er die Sendung schon des öfteren verfolgen durfte und sie übersetzt “Quadratische Hose“ heißt.
In der Küche lerne ich unseren Host dann persönlich kennen. Maxime ist deutlich älter als ich, arbeitet für eine Firma, die aus Europa gekaufte Geräte in Rußland verscherbelt und flüchtet sich regelmäßig reisenderweise in Länder wie Bulgarien, Cambodschia oder Andorra. Unser Gastgeber bringt eine CD mit Fotos aus Moskau, die er mit “To my friend from Germany Marcus Müller, March 2008“ beschriftet hat und fängt nach 10 Minuten an mir auf die Nerven zu gehen. Wir verlassen Maximes Wohnung am Rande Moskaus und müssen mehrere Male warten, weil die am Kühlschrank und an der Wand hängenden Souvenire mit insgesamt ca. sieben Schlössern gesichert werden wollen. Beim Wandern durch Kitai Gorod bleiben wir auf einem kleinen Bolzplatz inmitten riesiger Wohnblocks hängen und fordern Vanja und Nadir, zwei aufgeweckte Siebtklässler, zum Nationenduell heraus. Der Aru gibt Fußballnachhilfe und my friend from Germany Marcus Müller hält seinen Kasten weitesgehend sauber.

Image Hosted by ImageShack.us Nadir und Vanja

Mit durchschwitzter Kleidung und schmerzenden Knochen werden anschließend Herr brrz und dessen Schwester aufgesucht. Es soll zu Mos Film gehen, allein die Tore sind verschlossen und zwingen uns zur Rückfahrt mit der Marschrutka. An irgendeiner Kreuzung springen wir aus dem Wagen und gehen zu Klaus’ Wohnheim um auf der Tribüne der internen Schwimmhalle einmal mehr sozialistische Tristesse einzuatmen.
Spe versammelt sich in der Küche des Flures und kocht ein paar abgestandene Fabrikpelmeni. Dazu gibt es spektrale old school trackz, let the good times roll und den Boden vibrieren. Unbekannte Klänge locken unscheinbare Mäuschen aus ihren Löchern hervor. “Is hier ne Party?“ “Nein, nein, nur spe routine.“
Interessanter als blasse Mädchen erscheint der Müllschlucker in der Küche und zieht SPE in seinen Bann und fast in seine Röhre. Wenn ich im nächsten Leben als Maschine wiedergeboren werde, dann als Müllschlucker.
Wir verlassen den in der Küche vor spe trackz (trash tape, phönix recordings, noiseboi classics) meditierenden Klaus und reiten die verhaßte Metro.

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Die Zahl der unausstehlichen Charaktere hat sich bei Maxime inzwischen verdoppelt. Seine Freundin hockt auf der Couch in der Küche und versprüht Anti-Flavor. Der Drache heißt Natalja und speit auch Feuer wenn er auf dünnem Eis wandelt.
Als Marcus die Konversation mit nicht mehr als einem trockenen Husten zu kommentieren weiß, wird ihm von Seiten unserer Gastgeber etwas empfohlen, das sich nach Übersetzung als Senfplaster herausstellt. “Zum Essen, zum Kleben?“ Zum Kleben natürlich. “Brust, Stirn, Arm?“ Nein, Rücken! “Aha.“
Auch für mich kennt die Fürsorge keine Grenzen. Stolz wird mir eine halbe Weißbrotstulle mit Käse, die ich morgens auf dem Brett liegenließ, aus dem Kühlschrank geholt und präsentiert. “Wir dachten du möchtest sie vielleicht noch essen.“ Ja, vielen Dank, das ist sehr esk von Ihnen. Marcus und ich sagen unseren Gastgebern noch, daß wir morgen um sieben aufstehen werden und legen uns schlafen.

Küken, Knarren und Konzerte

Um 10:30 entsteigen wir unseren Schlafplätzen und treffen uns mit Klaus und Johanna um dann mit der Marschrutka die Russian State University of Oil and Gas meines Cousins Sergej anzusteuern.
Im Foyer (mit Garderobe) zeigt Marcus sich das erste Mal beeindruckt: “Das ist ja wie im Nachtclub.“
Sergej empfängt uns und wir beginnen unseren Rundgang. Johanna erwähnt, daß sie immer vergißt, daß man hier den Frauen nicht zur Begrüßung die Hand reicht. Marcus blickt noch einmal übers Foyer und ersinnt die größte Sentenz der Reise: “Diesen bitchez gibt man nicht die Hand, denen gibt man nur den Schwanz.“
Mein Cousin führt uns durch das weitläufige Gebäude, zeigt uns Labore, Hörsäle und Experimentierräume, die sich hauptsächlich aus Geldern großer Öl-und Gasfirmen, an erster Stelle Gazprom, speisen.

Image Hosted by ImageShack.us “Diesen bitchez gibt man nicht die Hand, denen gibt man nur den Schwanz.“

Nach einer ausgiebigen Tour de Gaz landen wir im Restaurant der Universität. Klaus fordert den Kellner erst einmal auf die Musik leiser zu stellen, das sei schließlich keine Disco, dann verspeisen wir unsere Gerichte. Ich Lagman, Hühnchen mit Reis und Tee mit Schokolade (Nestle KitKat).
Sergej hält uns sein Handy mit einem Foto entgegen. “Ich hab mir gestern ne Knarre gekauft.“ Wir schauen entzückt auf sein Handy, ich sage ihm er solle noch kurz warten, ich müsse das Foto fotografieren. Fürs Tagebuch. Er fügt hinzu, er wolle den Griff noch schwarz malen.

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Dann geht die ganze show hochesk weiter. “Und hier haben alle meine Freunde ihre Waffen zusammengelegt.“ Zum Vorschein kommt ein Bild mit einer Unmenge zum Kreis zusammengelegter Knarren. “Und hier Geld.“ Dito.
Nachdem das Grundsätzlich geklärt war, unterhalten wir uns mit meinem Cousin zum Nachtisch über Politik. Er selbst schreibt Artikel über Politik und Geschichte im Kaukasus und hätte lieber so etwas wie Geschichtswissenschaft sudiert, aber um die Familie zu sichern hat er den boomenden Öl-und Gasweg eingeschlagen. Mein Vater hilft ihm die Artikel zu verfassen und kritisiert seinen armenischen Nationalismus.
Sergej selbst hält die europäische Immigrationspolitik für gefährlich und den Iran für fortschrittlicher als die Türkei, weil dort Armenier mehr Rechte hätten. Ich widerspreche ihm und sage, daß die Frage, ob beispielweise Armenier mehr oder weniger Rechte haben, zwar durchaus relevant ist, da sich in so einem Punkt Grundsätzliches zeige, man daraus allein aber wohl kaum die Fortschrittlichkeit oder den Stand einer Gesellschaft ableiten könne. Er gibt mir Recht und spricht als nächstes über Oswald Spengler und von einem Zusammenschluß der kaukasischen und südrussischen Völker gegen den Islam und eine chinesische Besiedlung Sibiriens. Seine nächste Schilderung gibt Zeugnis davon, wie so etwas letztlich aussehen könnte. Vor ein paar Tagen wären zwei Frauen von Georgiern beleidigt worden, woraufhin 50 Dagestaner mit Maschinengewehren Action gemacht hätten.
Am 1. Mai kam es beim Festival der Freundschaft der Nationen zu Auseinandersetzungen zwischen Armeniern und Aserbaidschanern. Zwei Tote.
Nach dem Mundabputzen führt Serioscha uns in die Bibliothek, ins Internet und letztlich ins Museum der Universität. Wir schießen noch ein Abschlußfoto vor der Eingangstreppe und erwarten ihn morgen früh zum Abschied bevor wir in die Maschine nach Deutschland klettern.

Image Hosted by ImageShack.us Ein Philosoph, ein Superarier, ein Straßenhund und eine Weltenbummlerin

Wir laufen über die Straße, springen über einen frisch gestrichenen Zaun und hechten in eine Marschrutka. Johanna und ich haben komplett grüne Finger, sehr zum Amusement der Insassen. An einem Kartenhäuschen der Metro fragt Klaus nach Karten für die Oper. Keine da, nur Tickets für den Scorpions-Auftritt im Kreml. 25.000 Rubel.
Wir schleppen uns in einen Alternativladen, in dem der Straßenhund scheinbar des öfteren Wasser schlürft und mit den Ohren wackelt. Zigarettenqualm umhüllt die Tische und bereitet dem Aru Kopfschmerzen. Letztlich werden wir doch fündig. Operette steht auf dem Plan, ein Klaus bekanntes Häschen zeichnet mir den Anfahrtsweg in mein Tagebuch und ich klatsche zufrieden in die Hände. Spe macht sich auf den Weg um sich an der nächsten Straßenecke wieder zu teilen. Marcus muß noch seine Sachen von Maxime holen, der heute abend nach St. Petersburg aufbricht. Herr Lorbeer, Johanna und ich stellen fest, daß das Mittag sehr gut, aber nun auch schon wieder einige Stunden her war und betreten ein östliches Restaurant. Die beiden Männer genießen Lagman, Johanna nimmt vegetarische Mante mit Kohl und Kartoffeln.
Die Angestellten mit weißen Tüchern auf dem Kopf kommen hauptächlich aus Usbekistan und Kasachstan. Als Johanna mit ihrer zweiten Portion zurückkommt, erzählt sie von einem Mann, der der Frau hinter der Theke den Teller mit seinem Gericht und einem Haar darin hinhält. Diese fäßt das Haar mit ihren dreckigen Fingern an und nimmt es weg.
Neben uns fällt einem Russen sein Kopf in seine Schale Lagman. Über einen überdimensionalen Bildschirm flackern Hugh Heffner und Common, flankiert von playboy bunnies. Brrz erzählt: “Ich habe Germaine mal gesagt, ich wünsche Common, daß er vom Laufsteg fällt und sich die Beine bricht. Er hat es nicht verstanden.“

Image Hosted by ImageShack.us Moscow is an exciting city

Klaus holt Marcus von der Bahn ab, Johanna holt sich vor der Operettenvorstellung einen Pfannkuchen ohne Soße. Spe belegt die letzten Reihen, läßt Seele und Füße baumeln. Ich ziehe meine Schuhe aus und rieche, daß der Rest es mir gleich tut. Das Dargebotene (nicht der Rede wert) kommentiert jeder Anwesende auf seine Art. Johanna mit geteilter Aufmerksamkeit, Marcus mit exzessivem Naseschneuzen, der Aru mit Gedanken an die feuchte Öffnung seiner Exfreundin und Klaus mit in der Luft hängenden Socken. In der Pause stürzen Klaus und Marcus an die Vodkabar, der Aru erhält einen Anruf von unserer Couchsurferin für die letzte Nacht. Die gute Frau heißt Alexandra und erzählt mir schon am Telefon irgendetwas von Problemen mit Türen. Ich sage Spektral wäre nicht Spektral wäre es nicht scheißegal. Wir flüchten vor dem in jeder Hinsicht gräßlichen Schauspiel und dirigieren die Metro Richtung Alexandra. Klaus schlägt vor ihr eine Blume zu kaufen.
Alexandra holt uns ab und marschiert schnellen Schrittes zu ihrer Wohnung. An der Eingangstür zeigt sie das bereits mehrmals erwähnte Problem. Der door closer ist defekt, die schwere Tür schlägt jetzt unvermittelt zu und erzeugt dabei Lärm, der das zarte Wesen im Erdgeschoß nicht schlafen läßt. Wir lassen uns in ihrer Wohnung auf dem Fußboden nieder. Sie richtet schnell alles her, bietet uns Kissen an, kocht Tee und stellt die Pralinen aufs Tablett. Dazu offeriert sie uns Black Bum aus Litauen, ein Gastgeschenk eines früheren Couch Surfers. Marcus nimmt ihr Angebot, etwas Wurst zu essen, an und bekommt eine kleingeschnittene Schweinepfote vor die Schnauze gesetzt.
Alle fünf Minuten springt Alexandra auf und läuft aus der Wohnung um ihren Nachbarn ihr Problem mit der Tür zu schildern und zu erklären, daß diese heute Nacht aufbleiben muß. Wenn die Eingangstür mal für längere Zeit schweigt erzählt sie von ihrer Arbeit im Büro einer Fabrik für Wurstzusatzstoffe und ihren zahlreichen Reisen, unter anderem nach NYC. Ich sage ich käme grad aus Krasnodar, hätte im Kaukasus gewildert und von Moskau die Schnauze voll. Ihre Antwort: “People from Krasnodar are for Russians what Bavarians are for Germans.“
Dann wieder Türenschlagen und Unbehagen bei unserer Gastgeberin. Ich stehe auf und sage ihr, ich schaue mir das Ganze mal an. Sie will mich zurückhalten und meint, da ginge eh nichts. Ich frage mich, was sie denkt, wen sie vor sich hat. Drei Juristenschwuchteln, die sich nicht die Hände dreckig machen, weil sie damit Sushi essen? Drei Muttersöhnchen, die, wenn ihre Gastgeberin ein Problem hat, mit den Schultern zucken und Tee schlürfen? Eine russische Handwerkerbrigade, die bei Hilferuf mit ihren Händen zuerst die Form eines Geldscheines nachzeichnet? “At least I can try“, sage ich ihr und kämpfe mich durch die zwei Sicherheitstüren. Auf dem Flur steht ihr tartarischer Nachbar und raucht. Die Eingangstür und der door closer sind “disconnected“, erkläre ich ihr später. “I need something to connect them. Do you have any tools?“ Freudig springt sie auf und schüttet stolz eine Tüte vor mir aus. Hervor kommt allerlei unnützer Kram, mit dem man nicht mal einen Nagel in die Wand hauen geschweige denn eine Tür reparieren kann. Kneifzange, Sechskantschlüssel, Gummistreifen. Ich beordere meine zwei camerados an den Ort der Malade und versuche sie zu Kreativität anzuregen. Letztlich hängt Klaus ein Stück Styropor vor den Türrahmen und verhindert so das Zuschlagen der Tür.

Deutsche Wertarbeit


Glücklich und etwas beruhigter läßt Alexandra sich wieder auf ihrem Boden nieder. Klaus und Johanna brechen auf und Alexandra, Marcus und ich unsere Unterhaltung so allmählich ab. Alexandra fragt uns wie lange wir morgens im Bad brauchen. Ich sage zwei Sekunden, Marcus fünf Minuten, nach kurzer Berechnung wird der Wecker auf 7:30 gestellt.

7:30: Die Tür hält. Alexandra hetzt aus dem Haus und eilt beherzten Schrittes mit uns Richtung Wurstfabrik.

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In der überfüllten Metro versuchen wir sie zum Abschluß zu umarmen und laden sie nach Deutschland ein. Sie sagt wir können gerne jederzeit wiederkommen. Marcus antwortet:"Yessss, we'll come back. And next time we'll bomb your door."

Mit Klaus und Sergeij geht es an- und abschließend in den Zarenpark. Der Palast von Katharina II. ist geschlossen, wurde von den beiden aber schon unter der Woche besichtigt.
Vor dem Eingang zum Park befindet sich ein Markt, der sich bei unserem Eintreffen gerade zu beleben scheint. Wir ziehen wie selbstverständlich durch die Stände, Sergeij fragt warum wir uns "sowas" ankucken. Wir verstehen nicht ganz was er meint. Er sagt die Leute, die hier Handys und ähnliches verkaufen hätten es nicht geschafft und seien nutzlos.
Bei einem der Nutzlosen erwerben wir für 6 Euro ein dringend benötigtes Ladegerät für mein russisches Handy.

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Zurück in Klaus' Vogelnest wird ein letztes Mal die Mensa aufgesucht. Johanna kommt hinzu und begleitet uns zum Flughafen. In der überfüllten Marschrutka sitzt Spe im Halbkreis und brütet Pläne für die nächste Tour aus. Uns gegenüber mit eiserner Miene ein Jungspund mit Knarre unterm Pullover. Klaus beweist wie eh und je Gefühl für die Situation und nimmt inmitten der Manege seinen Verband ab. Das letzte Foto auf russischem Boden wird geschossen.

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Am Flughafen leistet Marcus sich für stolze 6 Euro ein Corona extra und muß feststellen, daß er für den Geschmack auch Klaus' Wunde hätte auslecken können.
Beim Einchecken hockt der Aru vor einer Schlange deutscher Wurstgesichter und wird auf böseste Weise daran erinnert welches Land ihn noch mindestens die nächsten Jahre beherbergen wird.
SMS von K.l.a.u.s.: "Germaine says peace to Spe. Moskau sagt danke. Kls sagt oh yes. Stalin sagt execute them. But they're gone."
Spektral schleicht sich hängenden Kopfes in die GermanWings Maschine. MarcusBillion begrüßt den Flugkapitän Michael Siebecke mit einem kräftigen "Grüß Gott", dem Aru ist nicht nach Lachen, eher nach Hauen zumute. Das sollte sich auch während des Fluges nicht ändern. "Ich freue mich Ihnen mitteilen zu können, daß wir unseren Abflugsort Moskau überpünktlich verlassen können."
Das Mikro wird in der Reihe der schleimigen Business-Ärsche weitergereicht zu Flugbegleiter Frank Zakowski, der wiederum die Stewardessen Frau Hopf und Frau Moosharke vorstellt, während diese pantomimisch die Wörter Notausgang und Sauerstoffmaske darstellen. Der Aru wünscht sich Eisblöcke in Uniformen herbei und deutsche Ekelmenschen ins Meer. Stattdessen schmieren sich Frau Moosharke und neurotische Ekeltussy ein Sitz hinter mir mit Menstruationsblut ein um inmitten der Maschine zum Schlammcatchen anzusetzen.
"Ich muß Sie zu Ihrer eigenen Sicherheit bitten sich anzuschnallen."
"Ich schnalle mich nie an, weil ich die Gurte so doof finde."
"Is aber gefährlich wegen Turbulenzen, da können Sie sich das Genick brechen. Das ist die einzige Todesursache beim Fliegen."
"Ich freue mich aber immer wenn es Turbulenzen gibt. Da merkt man wenigstens, daß man fliegt."
"Zu ihrer eigenen Sicherheit rate ich Ihnen dringend sich anzuschnallen."
"Na gut, aber nur ausnahmsweise."

Der Aru ist kurz davor in den Bauch der Maschine zu klettern und den für Türkenhälse bestimmten Dolch zu entjungfern. Vollkommen den Ernst der Lage verkennend meldet sich Flugbegleiter Frank Zakowski und preist frischgebrühten Jakobs Filterkaffee, Kaffee Krönung und restliche Artikel eines Aldi-Wurfblattes als wäre es die Entdeckung der Raumzeit.
Nach dem Gros der Flugzeit tauscht mein Sitznachbar seinen Band mit Puschkingedichten gegen die aktuelle Spiegelausgabe. "Als Jesus noch ein Jünger war. Von der Jesussekte zur Weltreligion." Ich vermute hier die Oder-Neiße-Grenze und stelle mich gedanklich wieder auf die Welt des Abschaums ein.
In der S-Bahn vom Flughafen zu Marcus wird die deutsche Grenze auch mental passiert. "Scheen juten Tach, eenmal die Fahrausweese bitte". Im Angesicht des Arschgesichts müssen Moskau unvermutet Pluspunkte zugestanden werden.

1. Metro "Da laß ich mir lieber noch mal die Beine brechen als mich von so nem dude kontrollieren zu lassen."
2. keine Türken
und 3. keine vulgären Türkenbitchez, dafür reichlich Ärsche und Puppengesichter

Noch das Dröhnen der Moskauer Untergrundbahn in den Ohren ist für MarcusBillion klar: "Berlin ist Puppentheater."
Je näher man der eigenen Wohnung kommt desto deutlicher die Aussagen. "Die haben doch keine Probleme hier, die machen sich welche. Mit solchen Sätzen kandidier ich für meinen Bezirk."

Das ganze Unternehmen wird des abends noch einmal im argentinischen Restaurant begossen. Marcus Reis mit Fleisch, ich argentinische Pfanne. Zwei Warsteiner vom Faß ersetzen den Vodka und flüstern das Fazit:

Moskau leuchtet nicht, es brrzt.

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